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Buchgestaltung als Denkschule

Jost Hochuli, Edition Typografie, Stuttgarter Schriftenreihe Typografie, 1991

Titel »Buchgestaltung als Denkschule« von Jost HochuliÜber die Symmetrie im Buch, über Funktion und Funktionalismus in der Buchtypografie und gegen die Ideologisierung gestalterischer Strukturen

Der Untertitel fasst den Inhalt des 26 Seiten schmalen Bändchens trefflich zusammen.

Als Befürworter Kant'scher Aufklärung lässt Hochuli diesen im Eingang zu Wort kommen und schließt: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«.

Den Reigen des Für und Wider asymmetrischer versus symmetrischer Typografie leitet eine Betrachtung unseres Verständnisses von Symmetrie an sich und im speziellen der buchtypografischen Symmetrie ein.
Da es sich bei der Broschur um die Wiedergabe eines Vortrags handelt, kann diese Einführung nur an der Oberfläche kratzen. So findet zwar Erwähnung das schon die Ägypter die »17 der Mathematik bekannten Symmetrieformen« in ihren Ornamenten realisierten, diese werden allerdings nicht weiter erläutert. (Eine Erläuterung findet sich indes in der Wikipedia unter dem Stichwort »Ebene kristallografische Gruppen«).
Derweil stellt Hochuli das Dogma der Buchsymmetrie in Frage und verweist zum einen den Buchkörper als Raumdimension in der Buchgestaltung zum anderen auf den Leseprozess als zeitliche Abfolge die auch die vierte Dimension ins Spiel bringt. Mithin findet die Schauseite Eingang in die Argumentation, also jene Seite, die zumindest in unserem Kulturkreis gemeinhin auch rechte Seite genannt werden darf.
Später folgt ein schöner Verweis auf mittelalterliche Manuskripte, die zwar mittelaxial konzipiert sind (Illustrationen, Satzspiegel), aber deren Titeleien linksbündig daherkommen, da mittelaxiales Schreiben um Längen mühseliger war als mittelaxiales Setzen.

Nach der allgemeinen Hinterfragung der Begrifflichkeit sind die typografische Elemente dran.
Hochuli stellt bedauernd fest, dass bei nur wenigen Büchern asymmetrischer Typografie auch der Satzspiegel asymmetrisch gestellt wird und kommt zum Schluss das eine asymmetrische typografische Gestaltung immer eine der asymmetrischen Elemente sein muss, da eine »echte« Axialsymmetrie eine Seite mit Spiegelschrift bedingen würde.
Ein historischer Verweis auf das »Abwürgen« der neuen Typografie als Kulturbolschewismus im Jahr 1933 macht sofort Lust auf das gleichnamige Werk Paul Renners, dass anlässlich des Nachdrucks bei den Perlentauchern besprochen wird.
Hochuli erwähnt die sich in der Schweiz parallel entwickelnde Rastertypografie.
Die Abkehr von der sogenannten asymmetrischen Typographie beschreibt er als eine Lernprozess, der mit der Gestaltung »stark gegliederte[r] wissenschaftliche[r] Publikationen« einher ging. Die Abwendung war keine generelle, vielmehr die Einsicht, dass »eine bestimmte typografische Struktur nicht blindlings auf jede typografische Arbeit angewendet werden« kann.

Beispiel für gute MittelaxialsymmetrieEs folgen Beispiele für gelungene symmetrische und asymmetrische Buchgestaltung sowie einige misslungene der symmetrischen. Dem fehlenden typografischen Können, misst Hochuli auch zu, dass die symmetrische Gestaltung Anfang des 20. Jahrhunderts in Ungnade viel. Die meisten Bücher dieser Art sahen grauslich aus und konnten die nachwachsende Generation von Typografen nur zu einem Bruch verleiten.
Aus dem Bruch wurden Grabenkriege, die im Nachhinein betrachtet, häufig von Einfalt geleitet scheinen.
So muss Otl Aicher erneut für sein Buch »typographie« zu Recht Schelte einstecken und dies sowohl für dessen Einrichtung als auch den dort erneut aufflammenden Dogmatismus.
Ein Dogmatismus, der, modisch und ohne Substanz ist, ist selten dem Produkt zuträglich. Ein hässliches Beispiel für derartige Geschmacksverirrung ist das wenig handhabbare Buch über Muhammad Ali aus dem Taschen-Verlag, ein Buch, dass 34 kg auf die Waage bringt und damit auch noch beworben wird. (Man sollte den Gestalter mit seinem Machwerk bewerfen.)
»Wer ein Buch größer, schwerer, kostbarer macht als es sein muss, zeigt Imponiergehabe, betreibt forcierte Umrissvergrößerung«, heißt es dazu bei Hochuli, und diese Umrissvergrößerung führt er als »Spreizen«, »Blähen« und »Aufplustern« aus. Ein Vorgaukeln falscher Tatsachen also, welches erbsengroß mit Hirn bestückte Tiere bei der Balz praktizieren. Da reiht sich ein Jeff Koons vortrefflich ein, nur ein Muhammad Ali hätte derlei nicht nötig gehabt.
Hochuli fordert eine Abkehr von derartigen Grotesken und eine »leidenschaftslose Besinnung« auf die Funktion.
Gleichwohl behält er die Dogmatiker und Ideologen im Blick: »wir sind aufgerufen – mindestens auf dem Gebiet der Buchtypografie – gegen den Unsinn, den sie anrichten, nach Kräften zu kämpfen.«

Ursprünglich hielt Jost Hochuli diesen Vortrag auf Einladung des Forums Typografie, Arbeitskreis Baden-Würtenberg, am 8. Februar 1991 in der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.