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Ja bin ich denn ein Feminist?

Eine überraschende Einsicht zur Europawahl 2009 und ein Watschen für alle Faulpelze

Wie vor jeder Wahl gilt es sich auch dieses Mal tiefschürfend zu informieren. Immerhin werden im europäischen Parlament laut der CDU 2/3 aller Deutschen Gesetze beschlossen.

Die Stimmenfängerei

Eine der beliebtesten Möglichkeiten sich über die Programme der Parteien zu informieren ist es zur Zeit Wahlkampf-Werbespots zu konsumieren.

Die CDU »braucht« und »will«, tut sich allerdings mit dem Versprechen der Umsetzung ein wenig schwer. Immerhin kann man das Weglassen falscher Versprechungen auch als Hinwendung zu ein wenig Wahrhaftigkeit deuten.

Die SPD tritt allen eventuellen Gegnern ordentlich vors Schienbein außer dem eventuellen Koalitionspartner, den Grünen. Das ist nicht die feine englische Art und lässt eine klare Selbstdefinition vermissen. Wer die letzten paar Jahre in der Regierungsverantwortung gehockt hat und jetzt behauptet es müsse endlich etwas gegen die ganzen Risikokapitalisten getan werden, muss sich natürlich auch die Frage gefallen lassen, wofür er in letzte Zeit eigentlich sein Gehalt eingestrichen hat.

Bündnis 90 / Die Grünen schicken einen wirklich schön gemachten Infotainment-Trailer ins Rennen, in dem, von Yankee-Doodle-Musik untermalt, die Welt einstürzt. Die Beschreibung des Elends beinhaltet allerdings noch nicht dessen Lösung und die Muhkuh im Abspann ist eigentlich schuld an der Misere, wie es Klaus Werner-Lobo letztens so richtig attestierte. Schade um die wieder einmal vertane Chance.

Die Linke möchte mehr für alle, traut sich aber nicht so richtig zu sagen wo es herkommen soll. Vergesellschaftung wäre immerhin eine hübsche Umschreibung für Enteignung. Der Frieden wird beschworen und das Soziale. Alles sehr sympathisch, nur im Abgang bleibt man wieder ein wenig indifferent. »Gemeinsam für den Wechsel«, mit wem denn?

Während der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer über die Krise redet umspielt sein Jackett den wohlgenährten Bauch eher unvorteilhaft. Die CSU will europaweit in Bayern Arbeitsplätze sichern, Bayern eine Stimme in Europa geben und die bayerische Zukunft in Europa sichern; das kommt einen ein wenig wie das »Ich-Ich-Ich« plärrende Kind vor.

Mensch Umwelt Tierschutz heißt die Partei für die leider immer die anderen an allem Schuld sind. Nicht gerade förderlich für den mantramäßig heruntergeleierten Slogan »Wach endlich auf!« ist die Unterlegung des Werbespot mit Muzak, ich denke permanent ich hinge in einer Telefonwarteschleife.

Die Spitzenkandidatin der Republikaner, Uschi Winkelsett, hat eine urdeutsch »Heimseite« und fährt ein urdeutsches Auto, einen Škoda, unsere tschechischen Nachbarn wird's freuen. Ansonsten wird der Wohlstands-Chauvinismus hofiert, und der eigenen Ausländerfeindlichkeit mit vielen Worten luft gemacht. »Der Moslem will uns an die Wurst«, sang schon Bdolf, der meinte das allerdings ironisch (Titel 5).

Die Bibeltreuen Christen machen mir ein wenig Angst. Ein Standbild in dem sich nur die Münder bewegen und in Teleshopping-Manier »Gott« verkauft wird, lässt einen unwillkürlich überlegen, ob man aus Versehen einen Fliegenpilz zu sich genommen hat. Die Inhalte gehen in der sphärisch dahinplätschernden Musik unter. Allein das mehrfach genannte Partei-Kürzel »PBC« bleibt einem erhalten, klingt es doch ein wenig nach TBC.

Die FDP kommt mit getragener klassischer Musik daher und beschwört Freiheit und Schaffenskraft. Dumm nur, dass dem Thema »Aufbau-Leistung« Bildsujets vom Band rollender Volkswagen und dem Bau der Berliner Mauer beigestellt werden.
Leistung soll sich für die Liberalen wieder lohnen. Da war letztens von den Leistungsträgern die Rede. Warum manche Menschen meinen, dass das etwas mit dem Tragen von Anzügen oder dem imaginären Herumtragen von Verantwortung zu tun hätte, will einfach nicht in meinen Kopf. Die Leistung erbringt letztendlich der Brötchenbäcker und der Gullitaucher.

Die Bayern schicken mit der Bayernpartei gleich noch einen mit Lokalkolorit gestählten Anwärter ins Rennen: Man möchte mit anderen für sich sein.

Die Violetten sind spirituell und kriegen ihr Programm vielleicht gerade deshalb nicht auf den Punkt gebracht. Immerhin agieren die fünf Moderatoren mit viel Körpersprache und geben einem das anheimelnde Gefühl einem Motivationsseminar beizuwohnen.

Die Bürgerrechtsbewebung Solidarität stellt ihre Spitzenkandidatin interessanterweise in ein bürgerliches Zimmer mit Flügel, Ölgemälde und Büste, um vor den Gefahren der Zockerei und Inflation zu warnen. Ob sie Zilles Schmuddelkindern kostenfreien Unterricht gibt? Zum Schluss intoniert Helga Zepp-LaRouche die BüSo hätte für die Finanzkrise die Lösung, bleibt aber leider die Antwort schuldig wie diese Lösung denn aussieht.

»Ideologie ist nicht sexy« denk ich mir, wenn ich den Spot der DKP sehe. Die Bilder ganz nett aber irgendwie wirken die Leute gequält und verhärmt. Aus dem Off eine schreckliche Stimme mit dem Zeigefinger. Das Besserwisser-Image der Kommunisten liegt wohl daran, dass es auch bei ihnen keine Mitbestimmung oder Entscheidungsfindung gibt.

»Europa Demokratie Esperanto«, kurz EDE, steht für Völkerverständigung und eben »Esperanto«. Für mehr aber auch nicht. Ob eine Partei der intelligenteste Weg ist eine todgeglaubte Kunstsprache zu etablieren sei dahingestellt.

Dr. med. Hans Ch. Scheiner ist Vorsitzender seiner Partei »Aufbruch«. Er sitzt irgendwie im Treppenhaus seiner Villa und erzählt recht sympathisch über das Gesundheitswesen. Wie viele Mitglieder seine Partei nach 11 Jahren hat wird auf der Website nicht verraten. Herr Scheiner ist gegen Funktelefone recht aktiv.

Die Rentner-Partei trommelt ihren Spruch, der so gar nichts mit Dichterkunst zu tun haben will, in jeden Kopf mit dem Mittel der wahllosen Wiederholung. Am Ende bleibt Penetranz statt Inhalt.

Christen für Deutschland, kurz AUF, lassen ein Jingle im Hintergrund fiepen, im Off führt jemand ein Selbstgespräch, die Moslems sind die neue »Rote Gefahr«. Man ist Christ für Deutschland und Christ für Europa und die Partei heißt irgendwie »Raider« statt »Twix«. Wahrscheinlich unterhält man einen Kreativ-Schreiben-Kurs und will sich nur nicht für einen Namen entscheiden müssen.

Man kocht, man wäscht, man zieht die Kinder groß. Die feministische Partei Die Frauen spart nicht an Negativklischees. Die suggerierte Lösung lautet alles Hinschmeißen. Der Off-Ton-Abspann klingt nach Schulfernsehen.

Die ödp wirbt mit einen gut gestalteten Info-Trailer, der erklärt was die ödp an der Europäischen Union nicht mag. Man stilisiert sich selbst als Protestwähler-Partei.

Die Freien Wähler mögen mehr Demokratie und ihre Chefin fährt gern Motorrad.

Mit 50plus geht eine weitere Rentner-Partei an den Start. Auf Beethoven wird im Ton des investigativen Journalismus Stimmung gegen die Etablierten gemacht. Falls man ein Hörproblem hat wird der Text auch abgebildet, dafür verzichtet man komplett auf Bildmaterial, sozusagen Radio fürs Auge.

Die Christliche Mitte ist ein erzkonservativer Club. Der Claim »Für ein Deutschland nach Gottes Geboten« klingt ein wenig verfassungsfeindlich. Im Werbefilm spielen kleine Mädchen im Dirndl nicht mit »Blondi« sondern mit Lämmchen, ansonsten ähneln sich die Bildsprachen. Man ist gegen »Homo-Partnerschaften«, Abtreibung und Muslime, man ist sowieso mehr »gegen« als »für«. Gegen den Islam hat man auch perfides Bildmaterial im Marschgepäck, will Angst schüren. Die Mission wird zum Schluß in einem Satz treffend zusammengefasst: »Europa muss christlich bleiben.« Lasst das bloß nicht die Kelten hören.

Viel Begeisterung und Dynamik schwingt bei den Newropeans mit, es ist fast zu fröhlich, man denkt sogleich an sportiv vor sich hintrottende Laufband-Akrobaten. Mitten im Text bricht dieser abrupt ab. Der letzte Nachhall lautet in etwa »Vertrauen wagen«, aber wofür? Was sind die Ziele?

Die Vergreisung schreitet fort und dementsprechend tritt eine weitere Partei im »Silver Surfer«-Marktplatz an. Die Grauen sammeln die Stimmen von »allen die später auch Rentner werden«. Da wart ich nur noch drauf, dass der Sarg-Discount in meiner Straße eine eigene Partei aufmacht.

Die Rentnerinnen- und Renter-Partei kommt unprätentiös daher und macht kurze und prägnante Ansagen. Auch wenn der Ort des Videodrehs, ein Sportvereinsheim, trotz diverser Pokale nicht glamourös aussehen will, so wird visuell doch bodenständiger Pragmatismus vermittelt.

Die Wählergemeinschaft Für Volksentscheide läuft gern mit zugeklebten Mund herum, bedient sich, nicht als einzige, mal wieder des Kindchenschemas, und hat sich einen coolen Drei-Finger-Gruß ausgedacht, der nicht so kompliziert ist wie der Vulkanier-Gruß. Allerdings erinnern die drei zum Widerstands-W abgespreizten Finger allzu sehr an den Kühnen-Gruß.

Die FBI, Freie Bürger-Initiative, will mehr Bürgerbeteiligung in der EU, zeigt im Bild aber die ganze Zeit Parlamentarier bei ihrer Arbeit(?).

Dr. Ing. Helmut Fleck von der Volksabstimmung wird Opfer eines Schnittfehlers. Während der Spot mit einer Aufnahme von irgendwelchen Füßen und einer runtergelassener Unterhose beginnt wird hernach der Vorsitzende der Partei im Gegenschnitt bis zur Taille gezeigt. Die ganze Zeit fragt man sich nur noch, ob er sich untenherum nicht verkühlt.

Im Itchy- und Scratchy-Stil buhlt die Familien-Partei um die Wählerstimmen. Ein schöner kleiner Trickfilm, bei dem es um die zu rettenden Kinder geht, endet allerdings damit, dass das Kind das sichere Sprungtuch verfehlt.

Die PSG, Sektion der 4. Internationalen, wer zählt da eigentlich mit(?), sind die Sozialisten mit Marx-Konterfei. Hier wird der Kapitalismus abgeschafft und der Sozialismus inthronisiert. Sicherlich weil es gut für mich ist. Warum wollen eigentlich immer alle anderen wissen was gut für einen ist?

Rhetorische Fragen kommen nur selten bei der Zuhörerschaft an, häufig wirken sie oberlehrerhaft. Eine Regel der Kommunikation welche den Piraten noch keiner mitgeteilt hat.

Alles in allem unterhaltsam aber nicht besonders erhellend bezüglich der Programmatik. Immerhin gelingt in Einzelfällen eine Entscheidung per Ausschlusskriterium. Doch wen wählen oder nicht wählen?

Der Wahl-O-Mat

Der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Der Name führt dabei in die Irre, es handelt sich mitnichten um einen Automaten der einem das Wählen oder die Entscheidung zur Wahl abnehmen kann. Mittlerweile hat die bpb dies sicherheitshalber auch noch einmal im Vorspann klargestellt.
Derweil werden mittlerweile alle zur Wahl antretenden Parteien zu wichtigen Positionen befragt und ihr Statement veröffentlicht. Zur Europawahl werden 38 Standpunkte abgefragt. Die eigene Stellung zu den Fragen kann mit den Standpunkten der Parteien abgeglichen werden.

Für vertiefende Informationen zu einzelnen Parteien dient sich die Wikipedia als Linkliste an.

Derweil drängeln sich die Grünen an der Linken vorbei, die SPD weit abgeschlagen und ganz vorne rücken Die Frauen in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Wenn auch der Wahlspot ähnlich bescheiden ist wie bei den meisten anderen Parteien und bei manchen Thesen die übliche Unausgegorenheit von ehrenamtlich tätigen Politikern beinhalten, ist dieses Ergebnis doch erfreulich überraschend.

Es steht mir nicht zu mich als Feminist zu titulieren, das wäre auch sachlich falsch, macht sich aber gut in einer Überschrift.
Die Frauen agieren nur im Promillebereich. Aber immerhin hat der genügt um eine Finanzierung zu ergattern. Eine Finanzierung ist auch was Feines, vor allem für die, welche für die gleiche Arbeit durchschnittlich 23 % weniger Lohn bekommen.
Derweil gilt es die 1%-Hürde im Wahlergebnis zu knacken und parallel die 5%-Hürde für das EU-Parlament zu kippen.

Keine Ausrede für Stubenhocker

In den Vorwehen der Europawahl finden sich Stimmen der Wahlverweigerer. Für derlei gibt es natürlich gute Gründe.
Allein ein Fernbleiben vom Wahllokal ist kein politischer Akt. Damit spielt man zumeist den konträr Gesinnten zu.
Nur der Gang zur Urne und die Abgabe einer ungültigen Stimme darf als Verweigerung gelten. Außerdem kann man zu diesem Anlass auch ein paar Grüße an die Wahlhelfer verfassen, welche die Stimmen auszählen.

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