Utopia und das Kriegsspielzeug
…und morgen die ganze Welt?
Eigentlich sollte es nur ein fröhliches Oster-Spezial werden. Doch ein paar Papp-Spatzen werden zum Stein des Anstoßes.

Die Spatzen können dafür wenig. Jedoch animiert die Werbung einige Nutzer der Utopia-Plattform zum Vorbeischauen beim holländischen Anbieter Kidsonroof, zu dem direkt verlinkt wird. Hier finden sich, neben anderen Basteleien, in der Rubrik »unzensierte Spielzeuge«, Kriegspielzeuge.

Der Bitte, auf derlei Anbieter in der Werbung allgemein zu verzichten, wird nicht entsprochen. Die Utopia AG bleibt ihrer Politik der ausgestreckten Hand treu, die jedem, mit auch nur einer freundlichen Absichtserklärung, eine Chance zur Selbstdarstellung einräumt.
So war schon der Mineralölkonzern BP Partner von Utopia , Chemie-Gigant Henkel hat es mit seiner, Regenwald zerstörenden, Produktserie Terra Activ, in die Reihe der Partner geschafft und auch der, Atommüll produzierende, Gas-Stromer Entega/HSE hat sich ein Schulterklopfen seitens Utopia verdient. Nun bewirbt man die Produkte von Kids on Roof und findet, das Kriegsspielzeug im Programm des Anbieters als lässlich:
»Wir akzeptieren den Ansatz der ›Unzensierten Spielzeuge‹ und sehen die vielen anderen tollen Produkte von kidsontheroof.«
Spannend ist nun die Erklärung zum Kriegsspielzeug seitens der Utopia AG.
Zufürderst kolportiert man die stümperhafte Erklärung von Kids on roof:
»Wir möchten nicht schocken … Die Kinder sollen friedlich Krieg spielen – so, wie sie das seit Jahrhunderten tun und das auch die nächsten Jahrhunderte tun werden.«,
welche auch die einzige Erläuterung für das »Spielzeug« auf den Webseiten des Herstellers ist – eine vertiefende Auseinandersetzung fehlt völlig.
Die Utopia-Redaktion empfindet diese Argumentation wohl selbst als dürftig,
»Bei ›friedlich Krieg spielen‹ wunderten wir uns, erklären uns das als sehr komprimierte Fassung der Erkenntnisse…«
und verweist auf einen Artikel des Instituts für Friedenspädagogik mit dem Titel »Falsche Annahmen über die Wirkung von Kriegsspielzeug«, um daraus die Schlussfolgerung zu ziehen:
»Dieses Spielzeug kann somit auch als Möglichkeit dienen, Erlebnisse (auch aus den Nachrichten) spielerisch aufzuarbeiten.«
Hier wird im Kurzschluss Kriegsspielzeug zu pädagogisch wertvollem Spielzeug stilisiert. Das ist so nicht ganz richtig.
Zwar ist die Argumentation des Instituts für Friedenspädagogik stimmig, die besagt, dass folgende Aussagen verkürzt sind und deshalb als falsch erachtet werden müssen:
- Kriegsspielzeug macht Kinder gewalttätig
- Kinder lernen mit Kriegsspielzeug »Kriegmachen«
- Kinder ohne Kriegsspielzeug sind nicht aggressiv und spielen nicht Krieg
- Nur kriegerische Gesellschaften erlauben bzw. fördern den Verkauf von Kriegsspielzeug
Richtiger Weise werden diese Behauptungen im verlinkten Artikel, als vorurteilsbehaftet, widerlegt – allerdings hat die Utopia-Redaktion, anscheinend auf der Suche nach Legitimation, hier nur die halbe Wahrheit gelesen.
Im gleichen Artikel finden sich – weiter unten –
»Richtige Annahmen über mögliche Wirkungen von Kriegsspielzeug« :
- Der Umgang mit Kriegsspielzeug unterstützt negative Tendenzen in der Entwicklung des Kindes
- Das kindliche Spiel (auch Kriegsspiel) bereitet auf den Umgang mit dem Ernst vor
- Eine friedfertige Gesellschaft braucht kein Kriegsspielzeug
Soweit scheint die Utopia-Readaktion leider nicht vorgedrungen.
Kommen wir noch einmal zum Fehlschluss der Redaktion zurück:
»Dieses Spielzeug kann somit auch als Möglichkeit dienen, Erlebnisse (auch aus den Nachrichten) spielerisch aufzuarbeiten.«
Die pädagogische Keule eines jeden Militaristen. Dem möchte ich ein anderes Zitat gegenüberstellen:
»Kriegsspielzeug lässt … keinen beliebigen Gebrauch zu, wie vieles andere Spielzeug, das sowohl für friedliche als auch für aggressive Zwecke und Spielszenarien verwendet werden kann, sondern ist ausschließlich für destruktive, kriegerische Zwecke entwickelt und produziert und für das (Nach-)Spielen von Kriegshandlungen und Szenarien vorgesehen.« (Günther Gugel, Institut für Friedenspädagogik auf frieden-fragen.de)
Stellt man beide Zitate in Bezug, wird deutlich, Kriegsspielzeug kann nicht, sondern muss, zum Nachspielen von Kriegssituationen benutzt werden. Es engt die Handlungsmöglichkeiten der Kinder eben auf diesen einen Verwendungszweck ein.
Derweil, kann man als Elternteil einen Bauklotz, einen Schuh oder eine Packung Butter vorübergehend zum Panzer umdeklarieren, um »Erlebnisse (auch aus den Nachrichten)« pädagogisch aufzubereiten. Dazu bedarf es keines Kriegsspielzeugs. Bauklotz, Schuh und Butter können hernach wieder ihrem sinnhaften Zweck zugeführt werden, Kriegsspielzeug nicht.
»Der Umgang mit Kriegs- und Gewaltspielzeug trägt umgekehrt nicht zur Entwicklung von Friedensfähigkeit bei.« (ebenda)
Auf den Seiten der, von Utopia zu Rate gezogenen, Website des Instituts für Friedenspädagogik heißt es u.a.:
»Kriegsspielzeug vermittelt ein Verständnis von Konflikten und Verhalten in Konflikten, das vom Vertrauen auf Gewalt geprägt ist. Vertrauen auf Gewalt wird zum Grundmuster des Politik- und Gesellschaftsverständnisses.«
Das ist der Grundstein, welcher in der Kinderstube mit Kriegsspielzeug gelegt wird, und dem die Utopia AG mit einem
»Wir schreiben nicht, kauft das…«
begegnet.
Günther Gugel vom Institut für Friedenspädagogik wird da deutlicher:
»Man sollte seinen Kindern keine Spielzeugwaffen kaufen, ihnen aber ruhig die eigene Einstellung zu Spielzeugwaffen und realen Waffen erklären und mit ihnen über die eigenen Befürchtungen und Ängste reden. Dies wird zwar nicht verhindern, dass sie dennoch immer wieder zu Gewaltspielzeug greifen, aber sie kennen unmissverständlich die Grundeinstellung der Eltern. Diesen Umgang bewusst auszuhalten, zu dulden bzw. sogar zu akzeptieren ist etwas anderes, als ihn naiv zu fördern oder vor ihm die Augen zu verschließen.«
und empfiehlt:
Alternativen, die Spannung und Action beinhalten und zudem gemeinsam unternommen werden können, werden seit einigen Jahren unter dem Stichwort "Erlebnispädagogik" praktiziert (Bootsfahrten, Fahrradtouren, Klettergärten, Zelten usw. sind dabei nur einige Bereiche, die sich in vielen Variationen für jede Altersstufe leicht verwirklichen lassen).
Im Resümee hat die Utopia AG auf einen Verkäufer von Kriegsspielzeug verlinkt, daraufhin angesprochen, nach Ausflüchten gesucht, um auch diesen Part der Produktpalette zu rechtfertigen. Da man sich dem Empfohlenen verpflichtet fühlte, ist dieses Verhalten nachvollziehbar, wenn auch nicht akzeptabel. Sich aus den Argumenten des Instituts für Friedenspädagogik dann nur die herauszupicken, welche den eigenen wackligen Standpunkt erhärten, heißt das Institut zu instrumentalisieren, und dessen Arbeit geringzuschätzen.
Derweil fragt man sich, warum Designer die spezifisch Kinderspielzeug entwerfen, ausgerechnet Kriegsspielzeug mit ins Programm aufnehmen.
Den einzigen Kommentar bildet der Satz: »Wir möchten nicht schocken … Die Kinder sollen friedlich Krieg
spielen – so, wie sie das seit Jahrhunderten tun und das auch die
nächsten Jahrhunderte tun werden.« Nehmen wir die Aussage für bare Münze, zeigt dies einerseits ein recht düsteres Zukunftsbild der Designer gepaart mit einem desolaten Selbstverständnis als Eltern. Hier sei ein Umkehrschluß aus Gugels Argument erlaubt:
»Welcher Anteil am kindlichen Verhalten liegt bei Eltern und ErzieherInnen selbst? Oft sind kindliche Verhaltensweisen Reaktionen auf aggressives und unduldsames Verhalten ihrer Bezugspersonen.«
Was sagt das über die Kriegsspielzeug-Designer, die sich selbst als Eltern (s.o.) inszenieren, aus? Will ich wirklich Spielzeug bei derlei Designern einkaufen, auch wenn sich die Einstellung nicht bei jedem Spielzeug auf den ersten Blick offenbart?
Bleibt zu hoffen, dass die designten der Kriegsspielzeuge doch nicht unreflektierter Ausdruck der eigenen Einstellungen der designenden Eltern sind, man bei der Aussage zum Kriegsspielzeug schlicht ein wenig gemogelt hat, und doch nur »schocken« wollte.
PS: Diese Hoffnung müssen wir wohl aufgeben, im holländischen Beschreibungstext zum Kriegsspielzeug heißt es:
»Wir denken…: Alle Kinder - vor allem Jungs - wollen Krieg (im holländischen Original wird die Verniedlichungsform verwendet, etwa »Krieglein« bzw. »ein bisschen Krieg«) spielen - und das ist in Ordnung! Aber dann tut es mit Ästen im Wald, mit Lego oder selbstgebautem Totem (Anm. d. Redaktion: »Totem« ist ein weiteres (Steck-)Spielzeug des gleichen Herstellers, es handelt sich hier also um Eigenwerbung) zu Hause - oder mit einem schönen altmodischen Panzer oder einer Katyusha aus massivem unlackiertem Buchenholz … nicht mit so einem scheiß Plastikding.
Back to basics - diese unzensierte Kollektion ist echt cool…" « (Danke, Wildfang & lukita, für die Übersetzung)
Die Kriegsspielzeug-Designer von Kids on Roof reflektieren also weder das mit Kriegsspielzeug transportierte Rollenmodell der Geschlechter, noch die von Gewaltspielzeug ausgehende Prägung des Gesellschaftsverständnisses.
Vielmehr sieht man in bunt lackiertem Holz die Innovation, der Kriegsspielzeug schon lange bedurft hätte. Parallel empfiehlt man, weiteres Spielzeug aus eigener Produktion zum Krieg spielen zu verwenden.
Liebe Romy Boesveldt, lieber Ilya Yashkin, dass ist nicht »cool«, sondern erbärmlich.

