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Utopia City Shopping Days Berlin

Weiterer Versuch der Utopia AG in Berlin Fuß zu fassen. Die Werbung in der taz kurz durchgeschaut.

Utopia City Shopping Days Berlin-Beilage in der taz

Bestürzung über die aktuelle Beilage der taz äußern einzelne Ex-Utopisten, wurde die heutige Ausgabe (2.7.10) doch mit einer Beilage zu den Utopia City Shopping Days Berlin ausgeliefert. Grund genug den Vierseiter zu begutachten.

Ein Anruf bei der taz verhalf zur Klärung, es handelt sich um keinen redaktionellen Beitrag der taz, allerdings auch um keine Anzeige. Die mitgedruckten Sonderseiten werden redaktionell von der Utopia AG verantwortet, wie sich auch aus dem Impressum erschließt. Um diesen Coup zu landen musste man seitens der taz verkennen, dass es sich bei der Utopia AG um ein Unternehmen und nicht um eine NGO handelt, oder kennen Sie eine NGO bei der eine Privatperson 92% der Aktien hält?

An der Anzeigenabteilung der taz hat man sich vorbeilaviert, gilt irgendwie als NGO und muss lediglich einen vierstelligen Betrag für die vierseitige Eigenwerbung berappen, der ansonsten fünfstellig ausgefallen wäre. Das Ganze ist vom Mitbegründer und Geschäftsführer der taz, Karl-Heinz Ruch, abgesegnet und verdeutlicht lediglich, dass die taz ein anderes Selbstverständnis von NGOs zu haben scheint als wir vom Utopia Watchblog. Vielleicht war die Nähe des Chefredakteurs Peter Unfried zur Utopia AG – er wird auch dieses Jahr mit Claudia Langer die »Utopia-Konferenz« beenden – hilfreich für diese Medienpartnerschaft.

Eigenwerbung allerorten

Utopia City Shopping Days Berlin-Beilage in der taz - Seitenaufteilung erste Seite

Die Beilage in der taz beinhaltet einen »redaktionellen« Teil. In ihm wirbt Sabine Letz (Chefredaktion Utopia AG) »für eine an die Neuzeit angepasste Form des Umwelt- und Ressourcenschutzes« jenseits des »Kröten-über-die-Straße-tragens« (Wird hier der Naturschutzbund angefeindet?) und manifestiert mit dieser Polemik das eigene stereotype Weltbild und ihre Unwissenheit über die Geschichte der ökologischen Bewegung, die sich nicht auf ökologische Gefühlsduselei reduzieren lässt (und eine halbe Millionen Kröten umzusetzten ist auch nicht wirklich eine rührseelige Tätigkeit sondern eher anstrengend).

Die Mär von der gesellschaftlichen Veränderung durch die Entscheidung mit dem Einkaufswagen wird einmal mehr bemüht, und spricht sicherlich in unserer Individualgesellschaft viele an, die lieber mit gutem Gewissen schlafen als die Anstrengungen auf sich zu nehmen, welcher diese Veränderungen bedürften. Ablasshandel ist hier das Stichwort. Sich ökofair fühlen fällt immer noch leichter als sich ökofair zu verhalten, und Letzteres ist nur minimal mit strategischem Konsum beeinflussbar. Der kurze Werbetext schließt mit einem Hinweis auf den »grünen Einkaufshelfer« und das »grüne Branchenbuch« welche die Utopia AG »im Angebot« hat. 

Bei der Wahl der Kurzmeldung für die erste Seite der Werbebeilage bedient man sich der Ergebnisse klassischer Konditionierung. Der Artikel zum Saatbombomat, einem umfunktionierten Kaugummiautomaten für Seed Balls, greift schlicht auf die Assoziation mit positiven Dingen zurück. Man streichelt den Hippocampus ein wenig mit der Erinnerung an die Jugendzeit und Süßigkeiten, um die Leserschaft wohlgesonnen für die folgenden Werbeinhalte zu stimmen. Für einen vertiefenden Einblick in die Welt der Permakultur, z.B. bei Masanobu Fukuoka, oder auch nur eine Bauanleitung für Seedballs reicht es nicht. Für die eigene Existenzberechtigung genügt es immer noch (vermeintliche) Neuigkeiten zu verbreiten ohne journalistisch fundiert zu recherchieren.
Der Rest der Seite bewirbt das neue Internetangebot der Utopia AG, den Utopia City Guide – ein wenig begeisternder Abklatsch von Google Maps – der vom Interface her zur Farce geraten ist, und Dank mangelnder redaktioneller Betreuung jeden Nonsens anpreisen kann, den irgendwer irgendwie für »Öko« hält. Das redaktionelle Schlaraffenland, in dem sich Inhalte von selbst generieren, ist eine Utopie, von der sich die Utopia AG noch nicht gelöst zu haben scheint.

 

Wie man sich gibt

Der Budiker, Heinrich Zille

Seite Zwei bietet zwei Artikel. Hannah Kleiber schreibt unter dem Titel »Wussten Sie schon? Vergleiche für die Kneipe«: »Utopia gibt plakative Vergleiche an die Hand.« Die Argumentationsempfehlung für den (utopistischen) Stammtisch lautet: Bei »ernsten« Themen keine Studien und Statistiken sondern simple Gleichnisse einbringen, die dem Alkoholpegel der Bekanntschaften angemessen sind.

Die vorgeschlagene Verkürzung der Argumentationskette auf (Achtung Beispiel!),

»Mit der Energie, die bei einem 60-Grad-Waschprogramm verbraucht wird, können zwei Maschinen auf dem 40 Grad-Waschgang laufen.«,

ist ein Eigentor, dass zumindest die journalistische Kurzsichtigkeit des Utopia-Portals belegt.
Fehlerhaft ist das Vortragen von Fakten jedweden Umfangs, und dass sollte zumindest Ex-Werberin Claudia Langer (jetzt Utopia AG) erinnern, läuft Kommunikation doch zu über 90% emotional ab. Nicht die Inhalte sondern deren Aufmachung, die emotionale Ansprache, das Wie der Kommunikation trägt zur erfolgreichen Vermittlung bei. (Nach dieser Regel funktioniert immerhin auch das »bunte« Utopia-Portal.) Blumig ausgeschmückte Gleichnisse sind natürlich eine Möglichkeit. Derweil ist die Verkürzung der Information allein eher als Rückschritt in der Wissensvermittlung zu betrachten (und hat bei den Nutzern des Utopia-Portals schon häufiger für enttäuschte Minen gesorgt). Fundiertes Wissen kombiniert mit Lösungsvorschlägen und ausgewogen Formulierungen, dass wäre eine Kommunikationslösung – allerdings nicht für die Utopia AG, welche die taz-Leserschaft in der Ecke Molle-stemmender Proleten verortet. Deren weiblichen Bekannten dürfen noch für einen sexistischen Stereotyp herhalten und avancieren zum Flittchen (»Schließlich ist Jenny schon zum zweiten Mal schwanger und kann sich nicht so recht erinnern von wem.« Anm. d. Red.: Jenny ist eine aus der fiktiven Kneipen-Runde im Artikel). Wohlgemerkt handelt es sich um ein Bild, dass Frau Klaiber zeichnet, damit sich die taz-Leser mit der beschriebenen Situation identifizieren.

Es folgt ein ausführlicheres Interview mit Tanja Busse, deren neues Buch vorgestellt wird. Dieser Artikel ist ein bravuröses Werk der Vermischung von Identitäten. Vermengt werden soll hier die Boykotthaltung Tanja Busses mit dem »strategischen Konsum«, den die Utopia AG propagiert.

Während Tanja Busse in ihrem Buch »Die Ernährungsdiktatur« die Allmacht der Unternehmen und deren Informationsunterdrückung anprangert, steht die Utopia AG eben für jenes Klüngeln mit den Großen und Mächtigen, nennt es selbst die Politik der großen Hebel. Derweil also Frau Busse sich gegen Machtkonzentration ausspricht und referiert »gefährlich sind alle großen Konzerne, denen es gelingt wirtschaftliche Macht in politische zu übertragen«, klopft die Utopia AG bei den gleichen Großkonzernen an die Tür, um sie als Partner und Finanziers zu gewinnen (BP, Henkel, Entega, Telekom, REWE, Otto) und sucht die Nähe zur Politik (bei Bundeskanzlerin Angela Merkel hat man für die Utopia-Konferenz 2010 angefragt).
Wenn Tanja Busse sich am Beispiel der Kitkat-Kampagne von Greenpeace über die Rodung des Regenwaldes – »um Platz für Palmöl-Plantagen zu schaffen« – aufregt, erfährt der Leser nicht, dass ein Partner des Fragestellers Henkel heißt, und sein »Bio«-Produkt Terra Activ ebenfalls mit fragwürdigem, da RSPO-zertifiziertem Palmöl grün färbt (Henkel findet Palmöl gut – wir nicht).
Im Interview schließt sich die Frage an: »Glauben Sie, dass Produktboykott oder strategischer Konsum wirken?« Das Perfide in der Frage ist das Wörtchen oder. Hätte man die Frage mit einem und gestellt, hätte Frau Busse bei der Antwort zwischen der Effektivität beider Mittel abgewogen (und der »strategische« Konsum wäre bei diesem Entscheid als Verlierer davon getrottet), so hingegen wird, im Sinne der Bündelung der Kräfte für ein gemeinsames Ziel, das und  der Interviewten abgerungen und eine Gleichwertigkeit von Protest und Konsum als Mittel gesellschaftlicher Veränderung suggeriert, die nicht vorhanden ist. 

Der Frage nach den Chancen der Zivilgesellschaft gegenüber den Lobbyisten ist der Satz vorangestellt: »Es gibt kein Naturgesetz, das vorschreibt, dass ein Unternehmer über Leichen gehen muss.« Diese Aussage ist bestenfalls unglücklich formuliert. Anstatt der eingebrachten Naturgesetze, wirken ökonomische Gesetzte. Genannt sei hier die Adverse Selektion, nach der Anbieter qualitativ hochwertiger aber teurerer Produkte (z.B. ökofaire Produkte) aus dem Markt gedrängt werden, da die Käufer diese Produkte nicht nachfragen. Die Produkte werden nicht nachgefragt, da der vom Käufer gebildete Preis immer unterhalb vom Preis des qualitativ hochwertigen Produkts liegen muss. Für die Formulierung dieses Saure-Gurken-Problems im Jahr 1970 erhielten Akerlof und Kollegen 2001 den Nobelpreis für die Wirtschaftswissenschaften. 

Die Frage nach der »Chance gegen die Lobbyisten« mag diejenigen verwundern, die in der Utopia AG selbst einen Lobbyisten sehen, der bei den »Wirtschaftslenkern« vorstellig wird und auch die Politik das ein ums andere Mal umgarnt. Doch die Utopia AG sieht sich wohl eher als Lobbyist für die Gute Sache, bei der man auch einmal über Leichen gehen muss (siehe Partnerschaften) und meint in der Frage lediglich die anderen, die bösen Lobbyisten.

Die abschließende Frage welches »die größten Hebel« seien, das ungerechte Wirtschaftssystem zu ändern, beantwortet Tanja Busse nicht mit der Grals-Lösung Konsum sondern fordert die politischen Lösung ein.

Das Interview lässt die Einstellungen der Utopia AG nicht erkennen. Die Auffassung der Ausschließlichkeit des Konsums als Allheilmittel tritt nicht offen zutage. Vielmehr gelingt die Selbstinszenierung als aufgeschlossene, dem Boykott nicht abgeneigte, unabhängige Institution. Ein Trugschluss.
Als Wirtschaftsunternehmen ist die Utopia AG auf Gedeih und Verderb abhängig von ihren Werbepartnern. Verfehlungen dieser werden beschönigt (Henkel) oder verschwiegen (BP), meistens jedoch in einem vermeintlichen Diskurs in den Niederungen der Internetplattform tot geredet.
Claudia Langer, als Quasi-Alleineigentümerin, hat ihre Einstellung zu Boykottierungen im Speziellen und ihr Verhältnis zu NGOs im Allgemeinen hinlänglich dargestellt.

Trotzdem werden wieder viele der Bauernfängerei auf den Leim gehen. Die Bilder sind halt so schön bunt.

Blatt 3 und 4 der Werbung beinhalten einen »Grünen Stadtplan«, der nach Anleitung zusammengefaltet, nicht recht funktionieren will. Déjà-vu.

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