Löscheimer gegen Brandbriefe
Den neuerlichen »Brandbrief« von Claudia Langer mit der Lupe betrachtet und ein bisschen über die Vorbereitung zum Klimagipfel in Kopenhagen berichtet.
An den Pranger gestellt
Claudia »Wir prangern nicht an«-Langer hat einen weiteren Brandbrief verfasst, den wir hier genüsslich sezieren möchten.
Als erstes fällt uns selbstredend die inflationäre Verwendung des Begriffes »Brandbrief« auf, der so gar nicht zur kuschelig heilen Utopia-Welt passen mag. Sollte der Utopia-Weg vor einem halben Jahr gerade darin bestehen, nicht anzuprangern, sondern im liebevollen Miteinander, vor allem mit potenten Geldgebern, die Welt zu retten, gibt man sich heute deutlich kämpferischer. Immerhin meint der so von Frau Langer benannte »Brandbrief« laut Wikipedia »einen flammenden Appell … , der Missstände aufzeigt oder anprangert«.
Die Wende gestern und heute
Frau Langers Brandbrief ist am 11.11. verfasst und es schwingt deutlich, anläßlich des Mauerfalls, Ergriffenheit über den Mut und die Energetik mit, die »vor 20 Jahren« »ganz normale Menschen« dazu brachte mit den Füßen abzustimmen.
Zu recht fragt Frau Langer, wenn auch nur rhethorisch: »Was das mit Utopia zu tun hat?«
Ihr Trugschluss: »Utopisten wollen wie die Menschen damals eine andere, einer bessere Welt.« Das wollten und wollen beide Parteien sicherlich, allerdings aus völlig unterschiedlichen Gründen und auf ebenso unterschiedlichen Wegen.
»Strategischer Konsum« ist sicherlich keine Aktionsform die gleichzustellen ist mit Massendemonstrationen, vor allem deshalb nicht, da ihm, dem Konsum, die Unmittelbarkeit fehlt. Nebenbei werden bei Demonstrationen gegen eine Diktatur die Ängstlichen ausgeschlossen, bei »strategischem Konsum« die Armen. Die Masse ist also in beiden Fällen nicht heterogen. Mutige vs. Reiche könnte man es vereinfachen.
Das Engagement der strategischen Konsumenten hält sich deshalb in Grenzen, weil der schleichende Klimawandel weniger präsent ist als die Angst und Unterdrückung in einer Diktatur. Weniger Feind, weniger Engagement.
Dafür dass das personifizierte Böse beim Klimawandel nicht greifbar wird, sorgt Frau Langer mit ihrer Greenwashing-Plattform Utopia selbst. Wir wollen hier nicht weiter auf den Sponsoren wie Henkel und British Petroleum herumreiten. Der Ablasshandel für die Konsumenten, die glauben, sich mit einen Schildkrötenangelhaken ihr Gewissen frei kaufen zu können, ist Schuld am Klimawandel.
Wir konsumieren heute auf Kosten von morgen und hier auf Kosten von anderswo. Wer das nicht glaubt muss nur seinen ökologischen Fussabdruck angucken. Und liebe Frau Langer wir fordern Sie auf, zum dritten Mal übrigens, mit gutem Beispiel voran zu gehen und Ihren ökologischen Fußabdruck zu ermitteln, zu veröffentlichen und Ihren utopischen Weg zu kommunizieren, wie sie diesen zu reduzieren gedenken.
Vier Fragen. Vier Antworten.
Vier rethorische Fragen schließt Frau Langer in ihrem Brandbrief an:
Warum rührt sich so wenig?
Darauf gab es oben schon eine kurze Retour. Zudem wird sich an der Trägheit der Menschen wie den Utopisten nichts ändern, solange Claudia Langer sie immer wieder in den Schlaf wiegt.
Warum engagieren sich immer noch viel zu wenige da draußen?
Zum einen, Claudia, weil Du da drinnen bist, weil Du Dir ein feines Nest gebaut hast, indem Du zwar Anerkennung erfährst, dass Dich und Deine Mission aber auch, abkapselt vom Alltag.
Zum zweiten, haben viele Menschen existentielle Probleme, die sie von einer Weitsicht abhalten. Verursacht werden die Probleme von eigennützigen Menschen wie Dir, Claudia.
Zum dritten, verlässt viele der Mut sich in den Wirren der Werbewelt zurechtzufinden, den rechten Pfad zu suchen und zu beschreiten. Auch hier bist Du nicht ganz unschuldig, unterstützt Du doch mit der eigenen Abhängigkeit von Markenfirmen und der damit einhergehenden Hofierung die Desinformationspolitik derselben, Henkel als Beispiel.
Zum vierten: Gar so wenige sind es nicht, die sich für einen Klimawandel engagieren, obwohl es natürlich mehr seien dürfen.
Warum geht kein Murren durch den Blätterwald?
Vielleicht liest Claudie Langer nur die falschen Medien. Guckst Du mal rein bei
- der analyse und kritik,
- der ¡arranca!,
- den Blättern für deutsche und internationale politik,
- der FAZ,
- der Financial Times Deutschland,
- dem Forum Wissenschaft,
- der Graswurzelrevolution,
- dem Handelsblatt,
- der Jungen Welt,
- der Jungle World,
- der Marx 21,
- die Le Monde diplomatique,
- den Perspektiven,
- der Prokla,
- dem Green New Deal-Artikel im Sozialismus,
- der Süddeutschen,
- der sul serio,
- der taz,
- dem Tagesspiegel,
- der Welt,
- der Jugendzeitung Utopia rein (die haben natürlich nicht so aktionistisch kurz vor Torschluss einen Brandbrief geschrieben sondern sich im Sommer schon ausführlich vorbereitet) oder schau in
- die Zeit.
Der Blätterwald raschelt also doch, wenn es auch mehr konstruktive Beiträge in den etablierten Medien geben könnte.
Die freien Radios werden über Kopenhagen berichten, wie in einem ersten Beitrag mit Viviana Uriona, Politikwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Freier Radios, zu hören ist.
Nebenbei macht die Konsolidierung auch vor der Medienindustrie nicht halt. (Hat Claudia Langer ihre eigene Werbeagentur .start nicht an die Agenturgruppe BBDO verhökert?) Die Redaktionen der Zeitschriften sind deshalb gerade ein wenig in der Krise und ihren Gönnern gegenüber zumeist ebenso handzahm wie Claudia Langer den ihren.
Warum kochen die Internetkabel nicht?
Und wieder frequentierst Du schlicht die falschen Kanäle und kennst Dich mit dem Medium nicht aus Claudia.
Während der Countdown für den Klimagipfel so im Mai eingeläutet wurde, werden Twitter und Co. erst für die Koordination von Aktionen vor Ort frequentiert.
Für Gipfelproteste sollte man sich mit den Sicherheitskonzepten von derlei Veranstaltungen auseinander gesetzt haben.
Die Mobilisierung laufen ansonsten über die bekannten politisch Aktiven.
Bereits am 18. Mai 2009 hatte das Klimaplenum Bremen einen Umsonstfahrtag ausgerufen, da die kostenfreie Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs das Klima schützen kann, selbst die Bahn Bremen, Betreiber des Bremer ÖPNV, befürwortet die Idee einer kostenlosen Nutzung. Ob des durchschlagenden Erfolgs wird für den 21. November für Bremen ein 2. Umsonstfahrtag ausgerufen.
Die Aktionskonferenz »climate justice now!«, initiert durch gegenstrom berlin und der Kinzig 9, wird auf Indimedia dokumentiert.
Auf Wir Klimaretter erreicht uns Anfang Oktober noch ein Hilferuf aus Kopenhagen, da die Organisatoren vor Ort personell stark unterbesetzt sind.
Auf den Seiten des Klima!Bewegungsnetzwerks werden die Veranstaltungen in Hamburg, Berlin, Frankfurt am Main, Leipzig angekündigt.
Die grünennahe Heinrich Böll-Stiftung lädt mit Brot für die Welt, Evangelischer Entwicklungsdienst, Germanwatch, Misereor, Oxfam Deutschland und Welthungerhilfe zur Pressekonferenz.
Die Klima-Allianz, ein Zusammenschluss der bekanntesten Organisationen, hat mit www.klimagipfel2009.de eine Seite veröffentlicht, die über Aktionen in Deutschland und in Kopenhagen informiert.
Bei Attac kann man sich auf den Seiten der AG Energie Klima Umwelt auf den neuesten Stand zum Klimagipfel bringen.
Hilfreich für einen Besuch im Nachbarland ist sicherlich auch, ein fundiertes Wissen über Rechte und Pflichten, die man als Besucher so hat. Mit ein bisschen Pech drückt die rechtsliberale Regierung Dänemarks vor dem Gipfel noch eine Verschärfung des Demonstrationsrechts durch, dann könnte man für die Beteiligung an einer Menschenkette für 40 Tage ins Gefängnis wandern.
Zum Nachschlagen stehen zwei Glossare zur Verfügung, das Glossar des Klima!Bewegungsnetzwerks und das Lexikon von Wir Klimaretter an.
Um auf dem laufenden zu bleiben bieten sich folgende Twitteradressen an:
- Schlagwort Kopenhagen
- Schlagwort Klimagipfel
- Schlagwort Klimakonferenz
- COP 15
Shoppen vs. Mobilisierung der Massen
Ein wenig irritierend empfinde ich folgende Aussage von Claudia Langer:
»Nicht, dass ich Lust habe auf Demonstrationen und Internetpetitionen, aber Leute wir müssen und Gehör verschaffen!«
Die Antwort welche Aktionsformen Frau Langer und die Utopia AG stattdessen empfehlen, welchen orginären Beitrag sie gegen den Klimawandel leisten wollen, bleibt Frau Langer schuldig. In Ermangelung eigener Vorschläge möchte man sich der Protestbewegung anschließen, dass ist ein erster richtiger Schritt. Dabei jedoch diesen Aktivposten gleichsam als minderwertige Alternative (zum eigenen … Nichts) zu deklarieren, ist recht ruchlos. Insbesondere, wenn man am Ende seines Brandbriefes auf eben die Internetpetitionen verweist, die man so doof findet (und dabei auch noch vergisst die organisierenden NGOs namentlich zu erwähnen), sollte man sich doch eine abschätzige Bemerkung verkneifen.
Neoliberaler Ausschluß der Politik?
»Erfahrungsgemäß werden es nicht die Politiker sein, die das Ruder rum reißen« meint Claudia Langer, und spricht damit der Politik, wie schon öfters, jegliche Handlungsfähigkeit ab. Gleichzeitig fordert sie aber dazu auf, Briefe und Emails an Angela Merkel zu schicken und erwartet, dass man in eine Partei eintritt(?).
Auf die Frage »Wie politisch ist Utopia?« hieß es vor kurzem noch.
»… Im Ernst: Utopia wird nie eine Partei werden.
…
Wir eignen uns nicht für die Politik.«
Bei derlei wenig Vertrauen in politische Lösungen scheint der Aufruf, sich nun, wenn auch in Maßen, politisch zu engagieren, an den Haaren herbeigezogen.
Man kann sich ändern, neue Einsichten gewinnen und diese kommunizieren. Momentan wirkt das Engagement von Claudia Langer eher hölzern, ein Aufspringen auf einen fahrenden Zug, weil einem selbst nichts besseres einfällt.

