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Kauf-nix-Tag inspiriert Utopia AG

creative commons 3.0 (by-nd) André Henze
— abgelegt unter: , ,

(Besser spät als nie.)

»Das erste Kind des strategischen Konsums, der ›Kauf-nix-Tag‹ oder ›Buy Nothing Day‹, feiert am 27.11.2010 seinen 18. Geburtstag.«, leitet Melanie Gräber die Presseerklärung ein (und spamt damit die üblich verdächtigen PR-Portale zu: hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier…. Masse statt Klasse – Penetration zeigt in der Werbung allerdings Wirkung, wenn diese auch nicht besonders beliebt ist).

Die Aussage von Frau Gräber verwundert uns doch sehr. Zwar feiert der Kauf-nix-Tag (engl.: Buy-Nothing-Day) sein 18. Jubiläum, allerdings ist er weder von Utopia kreiert noch bisher unterstützt worden, wie die Formulierung »erstes Kind des strategischen Konsums« nahelegen möchte. Der »strategische Konsum« ist eine von der Utopia AG eingeführte Wortschöpfung in Abgrenzung zum politischen Konsum, von dem er sich maßgeblich durch den Verzicht auf Boykott und Vernachlässigung politische Partizipation unterscheidet, und dafür die Macht des Individuums betont.
Für die Gleichsetzung von »strategischem Konsum« zum Begriff der Nachhaltigkeit gab es schon von anderer Stelle Schelte.

Der Kauf-nix-Tag ist mitnichten »ein Kind« – also eine Schöpfung – »des strategischen Konsums«, aka der Utopia AG. Diese Formulierung ist ein schmählicher Versuch der Inbesitznahme eines Aktionstages, der von anderen erdacht wurde und bereits seit 18 Jahren umgesetzt wird. Die Zuspätkommer der Utopia AG wollen hier nicht nur auf den fahrenden Zug aufspringen, sie wollen auch noch Lokführer spielen.

Weiter heißt es in der Pressemeldung: »Utopia feiert dies mit einer besonderen Aktion. Wir lassen im ProduktGuide die Rolläden runter.«
Dazu sollte man wissen, dass der Antipreneur-Shop jeden Sonntag und auch jeden Wochentag von 12-14 Uhr den Rolladen runterlässt.

Mittagspause im Antipreneur-Shop

Diese Idee ist also nicht ganz neu, sogar eine bildliche Umsetzung haben sich andere ausgedacht, die – selbstredend – keine Erwähnung durch die Utopia AG finden.

Derweil wird im Utopia-Produktguide konsumentengerecht das Produkt »Nichts« eingestellt, »Nichts« kann man kaufen. Das Prozedere des Onlineshoppens wird bis zum Kaufbutton komplett abgebildet, und mithin der Verzicht aufs Einkaufen, zwecks der Auseinandersetzung mit dem eigenen Kaufverhalten, ad absurdum geführt.
Der Produkttitel scheint dabei frei Homer’s Odyssee entlehnt, speziell der Szene in der sich Odysseus dem Zyklopen als »Niemand« vorstellt. Allerdings hat Claudia Langer eher den Videoclip New Improved NothingTM im Sinn, auf den man auch geleitet wird, sobald man den Kaufprozess für »Nichts« im Utopia-Shop abgeschlossen hat.
Nicht zuletzt darf der, von Ted Dave's Website verlinkte, FLOWmarket diesmal als Tippgeber angesehen werden, hier wird Immaterielles in Dosen zum Kauf angeboten.
Auch Attac hatte 2004 bei Ebay schon »N.I.X.« verkauft, wie der Spiegel berichtete. Von beiden, FLOWmarket und Attac, liest man im Artikel der Utopia-Website … nichts.

Selbstredend ist der Utopia-Redaktion beim zusammengestoppelten Artikel wiedereinmal ein kleines Missgeschick unterlaufen. So heißt es zur kalendaren Erläuterung des Kauf-nix-Tages:

Ted Dave suchte sich dafür den letzten Samstag im November aus. In Nordamerika ist dies der Tag nach Thanksgiving (Ernte-Dank-Fest)…

Dieses Mal verlegt man Thanksgiving, dass traditionell am Donnerstag gefeiert wird, auf den Freitag. Der Kauf-Nix-Tag findet in Amerika und Canada einen Tag nach Thanksgiving statt, am Black Friday, dem fünft-umsatzstärksten Einkaufstag im Jahr.
Da der Donnerstag kein Feiertag in Europa ist und der Freitag somit kein Brückentag, gehen die Europäer erst am Samstag ihre Weihnachtseinkäufe erledigen. Deshalb fällt der Kauf-Nix-Tag in Europa,im Gegensatz zu Amerika, auf den Samstag. (Einzig die Österreicher sind wieder mal deutlich früher am Drücker und feiern schon am Donnerstag, dem 25.11. vor.) Der Sinn ist, an einem Tag auf das Kaufen zu verzichten, an dem dies schwer fällt. Dieser Diskrepanz zwischen Amerika und Europa wird sich die Redaktion von Utopia nicht gewahr. Mithin wird Ted Dave im Zitat Nonsens in den Mund gelegt. Das kann ja durchaus mal passieren, lässt aber die Recherchearbeit der Redaktion in einem eher blassen Licht scheinen.

Eine Zwischenüberschrift in der Pressemitteilung lautet: »Bewusste Shopping-Pause vor dem Weihnachtstrubel«.
Dabei handelt es sich um eine recht freie Umdeutung durch das Konsumenten-Portal Utopia. Diese Interpretation wird auch in der Wikipedia kritisiert, wenn es heißt: »Fraglich bleibt, ob die Teilnehmer der Veranstaltung tatsächlichen, nachhaltigen Konsumverzicht üben oder entsprechende Einkäufe lediglich verschieben, vergleichbar mit Boykottaktionen an Mineralölkonzernen.«

Am Kauf-nix-Tag soll

  • »gegen ›ausbeuterische Produktions- und Handelsstrategien internationaler Konzerne und Finanzgruppen‹ protestiert werden.
  • Außerdem soll zum Nachdenken über das eigene Konsumverhalten und die weltweiten Auswirkungen angeregt werden.
  • Ein bewusstes, auf Nachhaltigkeit abzielendes Kaufverhalten jedes Einzelnen soll somit gefördert werden.
  • Gleichzeitig soll gegen umweltschädliche und unmenschliche Herstellungsbedingungen protestiert werden.«

(Speziell das Nachdenken über das eigene Konsumverhalten sollte dazu führen, dass nicht lediglich eine Shopping-Pause eingelegt wird.)

Soweit die deutsche Wikipedia, das englische Pendant gibt Beispiele für Aktionen:

  • Das Angebot, Kreditkarten zu zerschneiden, befreit Konsumenten nicht nur von Datenkraken, wie Easycash, sondern auch vor überzogenen Zinsen.
  • Nichtkommerzielle Straßenfeste erobern den konsumorientierten Stadtraum zurück, sind allerdings im europäischen Raum zu dieser Jahreszeit eher etwas für Hartgesottene.
  • Mit Sit-ins und Flashmobs, z.B. in Kaufhäusern, können Konsumenten an das Thema des Konsumverzichts herangeführt werden.
    • Bei Zombie-Walks können Gruppen ihren Mitkonsumenten die erschreckende Seelenleere des eigenen Handelns plastisch vor Augen führen.
    • Beim Whirl-mart steuern Menschen in Schlangenlinien ihre Einkaufswagen durch die Konsumfriedhöfe ohne irgendetwas zu kaufen und erklären den Passanten auf Anfrage ihre Aktion.
  • Alternative Freizeitangebote zum »Shoppen« können Konsumenten von der Last des Einkaufens befreien. Hier sind besonders Vereine gefordert. 
  • Auch der Boykott von TV-Konsum kann den Kopf wieder freimachen, für geistvoll erfrischende Dinge.
  • Die Kasten-Bildung der verschiedenen Stufen zwischen Arm und Reich kann durch Verschenk-Aktionen aufgebrochen werden.
  • Auch kann der Blick für die andere Seite der Konsumgesellschaft geschärft werden, indem man sich einmal auf Augenhöhe begibt und z.B. »containert«.

Derlei Vorschläge finden sich bei der Utopia AG nicht, aber man muss sich nicht in den engen Grenzen des Konsumenten-Daseins bewegen um ein reichhaltiges und erfülltes Leben zu führen, eher im Gegenteil. 

Wie dringend sich »Konsumenten« Zeit nehmen sollten, um über das eigene Konsumverhalten zu reflektieren, zeigen die Kommentare vieler Utopisten, die dem Kauf-nix-Tag noch mit vorurteilsbehafteter Skepsis gegenüber stehen.

Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass die Utopia AG in der Pressemitteilung ganz selbstreferenziell ausschließlich auf sich verweist. Weder finden die Adbuster Erwähnung, die die Kampagne weltweit vernetzen, und hierzu mit einem Twitter-Ticker unter dem Hashtag #BND2010, einer Facebook-Veranstaltungsseite und der obligatorischen Google-Map mit angeschlossenem »Meetup« starten, noch die Organisatoren der letzten Kauf-nix-Tage, Narra e.V. und Attac.

Wir freuen uns, dass die Utopia AG mittlerweile auch an Aktionen des Konsumverzichts teilnimmt, eine Handlung die vor Jahr und Tag noch undenkbar schien, steht dies doch im antagonistischen Widerspruch zum Finanzierungskonzept der Utopia AG, dass sich auf den drei Säulen Produktwerbung, PR für BtoC-Unternehmen und Affiliate-Marketing gründet.
Sicherlich gibt es noch einiges zu verbessern, die Ideengeber können mehr Würdigung erfahren, Uneigennützigkeit darf sich – anstatt der steten Nabelschau – Bahn brechen. Doch wie heißt das Credo der Utopia AG, »Wir fangen erst an«.

PS: Hatten wir schon erwähnt, dass der Utopia-Onlineshop selbstverständlich am Kauf-nix-Tag geöffnet bleibt und alle Produkte bestellbar sind, es sich also um ein reines Lippenbekenntnis der Utopia AG handelt?

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