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Jeanne d'Arc jammert

Mitwirkende: Willi Witschi
creative commons (by-nc-nd) André Henze

Claudia Langer zeigt mit dem nackten Finger auf andere

»Mehr Netto vom Brutto?« betitelt Claudia Langer, die Utopia-Chefin, ihre Anklage an die frisch gewählte schwarz-gelbe Regierung.
Und läßt folgen:

»Heute nicht auf Kosten von morgen!
Hier nicht auf Kosten von anderswo!
Das ist unsere Definition von Nachhaltigkeit.«

Sicher eine Definition die jede/r unterschreiben kann.
Wie kurz gegriffen die Formulierung ist, merkt man erst, wenn man sich die Kommentare anderer Nutzer zu Gemüte führt. Utopia-Nutzer Werner Witschi z.B. entgegnet:

»Nirgendwo auf Kosten von irgendetwas!
Nirgendwo auf Kosten von irgendjemandem!«

Das klingt irgendwie viel konsequenter, lässt sich aber schlecht umsetzen wenn man Eigennutz zur Maxime menschlichen Handelns stilisiert, und Claudia Langer tut das, u.a. in ihrem Artikel »Warum wir nicht an den Pranger stellen!« (Utopia-Mitgliedschaft notwendig).

Unsere Jeanne d'Arc hat anempfohlen andere nicht an den Pranger zu stellen (ebd.) und geschworen sich aus der Politik herauszuhalten, und so mit der neuerlichen Wortmeldung gleich zweimal gefehlt.

Schön wäre sicherlich wenn Claudia Langer sich an die eigene Nase fasst, anstatt ständig andere zu kritisieren, zumindest wenn sie den doppelplusguten positivistischen Utopia-Weg überzeugend propagieren möchte. Das Kritisieren sollte man anderen überlassen.

Interviews, wie das auf Zeit online versprechen einen umfangreichen Handlungsspielraum für die passionierte Gründerin.
Wenn Claudia Langer das Gespräch einleitet:

»Ich bin mit dem Flugzeug hierher [Berlin] gekommen, fliege noch nach Zürich und fahre dann aber mit dem Zug zurück.«,

um im Folgenden einzugestehen

»Ich sündige non-stop. Wenn ich morgen spät abends am Bahnhof ankomme, fahre ich wahrscheinlich mit dem Taxi und nicht mit der S-Bahn, weil ich todmüde bin.«,

dann ließe sich an der misslichen Lage sicher einiges ändern.

Den Arbeitstag entschlacken und mal ein bisschen Lafargue's Recht auf Faulheit lesen, welches selber so um 1883 als Widerlegung des Rechts auf Arbeit geschrieben hat, und das, da aus Zeiten des Frühkapitalismus stammend, zumindest in der zeitlichen Verortung dem eigenen verdrehten Leistungsträger-Weltbild nahe käme. Mithin würde die Orientierung an Lafargue's Thesen dazu führen, dass man Abends nicht ganz so grocki ist, und doch die S-Bahn nehmen kann. Wahrscheinlich wäre Frau Langer sogar viel früher zu Hause, und könnte mehr Zeit z.B. mit den Rotzlöffeln verbringen, denn die tägliche Arbeitszeit legte Lafargue (anno 1883!) mit drei Stunden fest.
Aber vielleicht ist die Konsumkritik von Lafargue für den Anfang zu heftig für Claudia Langer. In diesem Fall empfiehlt sich die Einleitung von Aslan V. Grimson zum gleichen Werk, so heisst es aus dem Zusammenhang gerissen:

»Das Recht auf die eigene Kathedrale oder die massiv goldene Klobrille muss so selbstverständlich sein, wie das auf die tägliche Nahrung, ohne durch die Priorität des Mangels rationiert zu werden.«

Für sich alleinstehend, ist das doch eine treffliche Einladung, für alle, die den Hals nicht voll genug kriegen können.

(Zwischenzeitlich stellt sich mir die Frage, wozu man bei der Wahl zwischen S-Bahn und Taxi eigentlich eine zweite Familienkutsche benötigt?)

In vielen Livechats setzt die Utopia AG die, immer noch eher als Einkanal-Medium verstandene, Technologie der Videokonferenz ein, die man sicherlich auch dazu nutzen kann den ein oder anderen Weg zu sparen.
Für das erwähnte Zeitungsinterview hätte sogar ein einfacher Anruf gereicht.
Aber wer will schon das gute Gefühle »Ich werde gebraucht, ich bin ach so hipp« missen. Eitelkeit ist zwar eine Todsünde aber schließlich nur für Katholiken. Und wen scheren schon die Tonnen Kerosin die bei derlei Inlandsflügen verpulvert werden, wie Claudia Langer sie so agil tätigt, wenn die Flugmeilen doch CO2-neutralisiert sind.

Apropos Flugmeilen, mich persönlich würde eine kleine Übersicht über das Insel-Hopping der utopischen Weltretter freuen, und vielleicht der ein oder andere eigene Vorschlag zum kritischen Umgang mit den verprassten Ressourcen, viel mehr als das schlechte Gewissen einer übermüdeten Claudia, die ihre Kinder vernachlässigt.
Immerhin hat Claudia Langer im Privaten schon den ersten Schritt getan und verzichtet auf Fernreisen. Vielleicht ist es Zeit dieses Modell auch in die berufliche Praxis zu überführen.

Ein ökologischer Fußabdruck über 1,0 ist immer ein Zeichen dafür, dass man über die eigenen Verhältnisse lebt.
Auch hier fände ich ein positives Voranschreiten der Mitarbeiter der Utopia AG wünschenswert. Wo liegt das Team denn da gerade so und wie will man die Zielmarke von 1,0 erreichen? Speziell die Fastfood mampfende Entwicklungsabteilung im Kellergeschoss hat hier sicher Handlungsbedarf.

Wenn Jeanne abschließend meint, dass sie »im Moment jeden zusätzlichen Euro brauchen könnte« kann ich versichern das sich Videokonferenzen sehr günstig auf die anfallenden Reisekosten auswirken.

»Heute auf Kosten von morgen und hier auf Kosten von anderswo.«, daran lässt sich sicher etwas ändern, allerdings nicht indem man dem Eigennutz-Bündnis Schwarz-Gelb den Spiegel vorhält, das ist lediglich Populismus.

Selbst anpacken ist auch nicht der alleinige Weg, allerdings produktiver als herumzuheulen und fördert zudem die eigene Glaubwürdigkeit.

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