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Fressen – Ficken – Fernsehen

creative commons (by-nc-nd) André Henze

Liebe geht durch den Magen. Das neue Branchen-Barometer der Utopia AG.

Die Utopia AG versteht sich als ein Portal, dass »Verbrauchern eine Stimme geben« möchte, »kraftvolle Impulse an die Industrie« wolle man senden. Diesem Ziel sei man in den letzten Monaten »deutlich näher gekommen« sagt Claudia Langer, Chefin der Utopia AG. Im Prinzip hat man also noch nichts erreicht.
Mit derlei Werbefloskeln eröffnet wird die neue Kundenbefragung. Weitere sollen folgen, regelmäßig sollen »ganze Branchen unter die Lupe genommen« werden, Branchen-Barometer heißt die neue Erfindung.
Zur Teilnahme wird aufgefordert, da mit derselben »aktiv auf Sortimente, Produktgestaltung und Unternehmenspolitik einzuwirken« sei. Das ist vielleicht ein wenig viel versprochen. Aber von Nichts kommt Nichts, insofern sei den Machern diese Übertreibung verziehen.
Grundsätzlich ist die Erfassung von Kundenwünschen durch Unternehmen wünschenswert, wenn sie dann auch zu entsprechenden Reaktionen führt.

In der ersten Runde geht es, dem Anschein nach, um Lebensmittel.

Fressen

Die Agentur

In diesem besonderen Fall wird die Umfrage lediglich unter Nutzern der Plattform Utopia durchgeführt. Anstatt ein Sozialforschungsinstitut wie Emnid oder Forsa mit der Umfrage zu betrauen und die breite Bevölkerung in die Umfrage einzubinden, befragt man lediglich die Utopia-Nutzer, die vornehmlich der Zielgruppe der Lohas zuzurechnen sind. Inwieweit die erhobenen Daten dann für Unternehmen interessant sind, bleibt abzuwarten.
Mit der Erarbeitung des Fragenkatalogs hat man keine NGO beauftragt, die sich mit der Thematik auskennt. In Frage gekommen wären z.B. Foodwatch, Slowfood, die Verbraucherzentrale, die Stiftung Warentest. Die Utopia AG entschied sich gegen diese Institutionen und die Strahlkraft ihrer Reputation und für – »[…] von der Kommunikationsberatung Ketchum Pleon«.
Ketchum Pleon ist der neue Zusammenschluss der Ketchum GmbH und der Pleon GmbH. Auch wenn man das Wort Public Relations nicht mehr so gerne in den Mund nimmt, da es schnell nach verbrannter Erde schmeckt, beide Agenturen und mithin auch der Zusammenschluss machen PR und sind PR-Agenturen.
Unter anderem hat Ketchum bereits für Cattlemen’s Beef in der BEEFlexible-Kampagne sich vegetarisch ernährende Leistungssportler zu Fleischessern erzogen, und die Kinder gleich mit (PDF).
Für die Firma Roche hat Ketchum Vitaminpillen schmackhaft gemacht, insbesondere den Kurzsichtigen und den diese betreuendes, medizinisches Personal. Früher half noch Möhrchen essen.
Ketchum, war nach eigener Aussage schon vor dem Zusammenschluß »eines der größten Public Relations-Netzwerke weltweit«. Neue Begrifflichkeiten für PR werden gefunden.
Für die Klienten betreibt man »Reputation Management« und hat gerade ein Buch darüber verfasst. Changemanagement ist, nach »We-can-change«-Obama, ein »neuer« Bereich in dem man auch arbeiten möchte. Da stehen einem Joint Venture wie das mit der Utopia AG gut zu Gesicht. Was ist nun aber der entscheidende Grund für die Zusammenarbeit seitens der Utopia AG?

Die AG

Die Entscheidung bei der Erstellung des Fragebogens mit einer PR-Agentur zusammenzuarbeiten ist nicht ungewöhnlich, hat man sich doch seitens der Utopia AG schon immer an den scheinbar Mächtigen orientiert. Im Falle der Umfrage arbeitet man mit Ketchum Pleon zusammen, die einige Referenzen im Lebensmittel-Bereich aufweisen können:
»Seit 30 Jahren hat Ketchum die Trends und Entwicklungen im Food-Bereich international im Blick und wir wissen um die zunehmend komplexer werdende Kommunikation. Wir beraten Unternehmen in strategischer Food-Kommunikation«, heißt es auf der Ketchum-Website. Von der strategischen Kommunikation zum strategischen Konsum ist es da nicht mehr weit.

Die Utopia AG möchte mit dem Fragebogen »die Unternehmen identifizieren, die konsequent nachhaltig wirtschaften und diejenigen, bei denen wir noch großen Handlungsbedarf sehen«.
»Insbesondere diese Unternehmen werden wir aktiv ansprechen und hoffen, dort Impulse für mehr Nachhaltigkeit zu setzen«, verlautbart Claudia Langer. Außer die Passage mit dem »hoffen« hört sich das schon erfreulich an.
Doch dann ergeht man sich in Rechtfertigungen, vorab und völlig unerwartet. Man bekomme kein Geld für die Umfrage, man werde die persönlichen Daten nicht weitergeben.
Als gelernter Datenverarbeiter werde ich bei derlei Floskeln schnell hellhörig.
Die Formulierung »persönliche Daten werden nicht weitergegeben« bedeutet häufig, dass alle nicht personengebundenen Daten für vogelfrei erklärt sind. Die in der Umfrage erhobenen Daten sind per se keine persönlichen Daten, es sei denn man ordnet sie einem Nutzer-Profil zu. (Um an der Umfrage teilnehmen zu können muss man angemeldet sein, eine Zuordnung wäre also möglich.) Wir glauben allerdings nicht, dass die Utopia AG das Vertrauen ihrer »Utopisten« so leichtfertig verspielen würde.
Die vogelfreien Daten finden aber sicher ihren Weg in die richtigen Hände.
»Und dann nehmen wir unser neugewonnenes Wissen und gehen mit Ihren Wünschen auf die Industrie zu und versuchen möglichst schnell, möglichst viele Impulse dorthin zu senden.« Mit anderen Worten: Die Utopia AG wird die Unternehmen der Branche über die Ergebnisse in Kenntnis setzen.

Mit ein wenig Glück finden sich so auch neue Partner. (Nestlé ist ja jetzt gerade der strahlende Ritter, wegen seinem einen fairtrade-Schokoriegel in Großbritannien. Nachtrag: …und stürzte ach vom hohen Roß.) So könnte es zu einem Return of Investment kommen, was die Aussage »Bekommen wir für diese Umfrage Geld? Nein!« ad absurdum führen würde.

Die Umfrage

Zufürderst, es werden nicht »die Riesen der Lebensmittelbranche« unter die Lupe genommen. Vielmehr fokussiert die Utopia AG die Befragung auf Händler und hier auf die großen Supermarktketten im Konsumenten-Bereich. Produzenten, die Erzeuger der Lebensmittel, werden aus der Befragung völlig ausgeschlossen. Ebenso fehlen Biosupermärkte, ausgenommen der Utopia-Partner tegut, der recht verloren zwischen den üblichen Verdächtigen wirkt. Selbst der auf Utopia aktive Onlinehändler bring mir bio findet sich nicht in der Umfrage wieder. Das Branchenbarometer beinhaltet also statt der Lebensmittelbranche lediglich die großen Ketten des Lebensmittel-Einzelhandels.
Fünf allgemein gehaltene Fragen sollen eine Einschätzung des Lebensmittel-Einzelhandels bezüglich der Ökokorrektheit ermöglichen.
Zuerst soll ergründet werden in welchen Produktkategorien (Fleisch, Fisch, Milch, etc.) den Lohas nachhaltige Produkte besonders wichtig sind, wobei unterlassen wird Nachhaltigkeit zu definieren.
In der zweiten Frage wird geforscht welche »Umweltschutzmaßnahmen« die Kunden von Supermärkten erwarten. Neben den Klassikern, Recycling, Energie sparen und CO2-Emission reduzieren zählt auch der Ausbau des Bio-Angebots für Utopia zu den Umweltschutzmaßnahmen. Die Qualität der Lebensmittel spielt im Übrigen überhaupt keine Rolle in der Befragung. Weder Pestizid-Belastungen, noch die Freiheit von Genmanipulationen oder die Zertifizierung der Lebensmittel taucht irgendwo in der Befragung auf.
Frage Drei nimmt den Umgang der Unternehmen mit ihren Mitarbeitern aufs Korn. Notwendig ob der Skandale um Aldi und Lidl.
Die vorletzte Frage soll die gesellschaftliche Verantwortung der Supermärkte einkreisen. Auch hier werden verschiedene Sparten zur Auswahl gestellt, vom Engagement in der Bildung bis zu der im Sozialen.
In der letzten Frage kann der Utopist maximal 3 Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit vertrauen. Hier wurde dann auf die differenzierende fünfstufige Skala, wie sie bei den anderen Fragen zum Einsatz kommt, verzichtet.
»Und dann nehmen wir unser neugewonnenes Wissen und gehen mit Ihren Wünschen auf die Industrie zu und versuchen möglichst schnell, möglichst viele Impulse dorthin zu senden.«
Nun, zum einen geht man nicht auf die Industrie zu, sondern wohl eher auf die Händler. Zudem ist die Auswertung dieser Umfrage sicherlich für die Nutzer der Plattform Utopia interessant, um zu sehen wie viele Lohas welche Prioritäten in Sachen Nachhaltigkeit setzten.
Doch was werden Discounter mit derlei Informationen anfangen? Im besten Falle wird man in die Mainstream-Themen der Lohas investieren und die weniger beliebten Punkte auf den Listen vernachlässigen. Die Liste wird also schnell zum Bummerang für die Nachhaltigkeitsbewegung. Da die Supermärkte sich in einem Konkurrenzkampf befinden, können sie schlicht nicht alle Baustellen gleichzeitig und in gleicher Intensität bearbeiten. Die Auswahl zwischen bestimmten Aspekten der Nachhaltigkeit kann nun nach einer wettbewerbsverzerrenden Liste (sehr spezifische Stichprobe, fehlende Erfassung markanter Aspekte) erfolgen, nicht aus einer inneren Überzeugung. Damit ist den Unternehmen und den Kunden nicht unbedingt geholfen, denn Überzeugungen die man gar nicht teilt wird man kaum langfristig und somit nachhaltig unterstützen.
Immerhin ermöglicht die Befragung es der Utopia AG mit den Discountern ins Gespräch zu kommen und die Community ein wenig zu beschäftigen. Zum Schluss haben sicherlich alle das gute Gefühl etwas getan zu haben.
Das weiße Rauschen der Interaktion oder eben Pseudointeraktion befriedigt schon so manchen, für andere bleibt es ein Störgeräusch.


Damit wir die Runde auch voll kriegen…

Ficken

Bei den ego-zentrierten Lohas spielt der gemeinsame Geschlechtsakt eine eher untergeordnete Rolle. Im Beitrag Mein ökokorrektes Sexleben, steht deshalb der Dildo (Platz 1) vor Gleitcreme und den Tütchen (Platz 3). Man spielt halt lieber mit sich selbst als mit anderen.

Zwischenzeitlich hat die Utopia AG ihr Basiswissen zu Sexspielzeug erneuert und im Artikel Schadstoffe in Vibratoren, Dildos und Co. – Sextoys: Grüne Undercover-Lover zusammengefasst.
Wir vermuten man hat an Sextoys einen solchen Narren gefressen, da man mit derlei Spielzeug, ob der eigenen bürgerlichen Abstammung(?), noch etwas Verruchtes/Rebellisches verbindet. Diese Anrüchigkeit ergänzt die eigene Ich-Fixierung um den Faktor Spannung und macht Peitschen und Schwanzersatz so attraktiv.
Ein wenig übertrieben finden wir es allerdings, diesen Tunnelblick anlässlich des Weltfrauentages zu zelebrieren. Zwar liegt die Simplifikation Frau + Produkt = Sextoy, zumindest für die Utopia AG, nahe, doch wird dabei die Frau auf ein Sexsubjekt reduziert und dies ist eben eine Reduktion und kein emanzipatorischer Akt. Grund genug das sich Utopistinnen wie Utopisten empören. Zum Weltfrauentag hatte man sich mehr erhofft als ein Vibratoren-Verschachere. Die Betonung lag bei Utopia von jeher nicht bei strategisch sondern bei Konsum, allerdings gibt es sicher Berichtenswerteres am Weltfrauentag.

Fernsehen

Es läuft gerade eine Umfrage auf Utopia welchen Film man als »grün« empfindet, wobei »grün« nicht im Sinne vom »5. Element«-»grün« benutzt wird sondern im wortwörtlichen Sinn. Gemeint ist wiederum nicht die ökokorrekte Produktion des Films, was wirklich eine Herausforderung wäre, sondern ausschließlich die Umwelt-Thematik die im Film behandelt sein soll. Deshalb schaffen es auch Katastrophen-Filme wie The Day after Tomorrow ins Ranking neben so glorreiche Meilensteinen wie Erin Brockovich.

Bei der Überschrift zu diesem Artikel handelt es sich um ein Zitat, eine Anleihe beim österreichischen Aktionskünstler Wolfgang Flatz.

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