Ein utopisches Praktikum
Die Leistung ist immer die Leistung der anderen?
Gerade sucht die Utopia AG neue Praktikanten. Nachdem man Mitte letzten Jahres in einer kurzen finanziellen Krise ein Drittel der Belegschaft entlassen musste, hatten sich die Reihen schnell wieder geschlossen. Ein paar Volontäre und Praktikanten dienten als Lückenbüßer.
Seit dem 10. Februar sind erneut ein paar Praktikumsstellen ausgeschrieben.
Unter anderem sucht man eine »Praktikumsstelle im Vorstandsbüro / Utopia-Stiftung bei der Utopia AG in München« zu besetzen, »für mindestens 6 Monate«, ansonsten lohnt sich die Einarbeitungszeit wohl nicht. Dementgegen steht der Lerneffekt, der sich deutlich früher einstellt als die Amortisation der Billiglohnkraft, der fairwork e.V. dazu: »Ein faires Praktikum dauert nicht länger als drei Monate, so lange die Studienordnung nichts anderes vorgibt.« Auch in Berlin ist man hier schon weiter und begrenzt Praktika auf 3 Monate, wie der Blogeintrag vom 1.3.2010 bei fairwork zeigt.
»Feuer«, »Leidenschaft für unser Thema und vor allem erheblichen Arbeitswillen« sollten die Bewerber laut Utopia mitbringen, und weiter »Das Praktikum beinhaltet die Unterstützung des Vorstandsbüros sowie die Utopia-Stiftung.
Kaffee kochen und kopieren gehören ohne Zweifel dazu!«, aber auch richtige »Aufgaben«, »u.a.«
- Eigenverantwortliche Betreuung der Kundendatenbank
- Korrespondenz
- Telefonzentrale
- Organisation und Vorbereitung von Meetings und Reisen
- allgemeine Unterstützung bei der Organisation des Vorstandsbüros
- Koordinierung von Stiftungsaufgaben
- Vorbereitung von Präsentationen
- Eigenverantwortliche Projektarbeit
- Online-Recherche
Das hört sich nach der Sekretariats-Stelle für die Utopia Stiftung an, allerdings werden wirklich keinerlei Anforderungen an die Praktikanten gestellt. Ob eine Besetzung der Stellung durch einen blutjungen Anfänger die günstigste Wahl ist bleibt eine Entscheidung der Stiftung bzw. der AG.
In der Stellenausschreibung wird mit keinem Wort erwähnt, was die Utopia AG als Gegenleistung für die erledigten Aufgaben bieten könnte, was vermuten lässt, dass man sich hierüber noch nicht wirklich Gedanken gemacht hat.
»Es liegt an Ihnen, was Sie daraus machen…«, heißt es lapidar, Verantwortung sieht anders aus.
Zwei weitere Praktikumsplätze werden für Marketing und Online Projekte von der Utopia AG ausgeschrieben. Wieder braucht es »Feuer unterm H…«, »Leidenschaft« und »erheblichen Arbeitswillen«.
Zusätzlich sollten die Praktikanten diesmal jedoch noch »jede Menge fachliche Kompetenz« mitbringen, »studiert haben« (Vergangenheitsform, es wird ein abgeschlossenes Studium erwartet), »bereits praktische Erfahrungen« haben.
Uns erinnert das an diese lustigen Jobanzeigen in denen früher Berufseinsteiger mit 4 Jahren Agenturerfahrung gesucht wurden. Eigentlich dachten wir nach der Diskussion um die Generation Praktikum wären wir über derlei Jobangebote hinweg.
Den Job, Entschuldigung, das Praktikum gibt es allerdings nur wenn Sie die Utopia AG »davon überzeugen können, dass Sie die Reichweite von Utopia im nächsten Jahr mindestens verdoppeln können«. Dies ist das Verständnis der Aufgaben eines Praktikanten bei Utopia.
Unnötig aber dennoch Erwähnung finden soll, auch diesen Stellenausschreibungen mangelt es an einer konkreten Beschreibung, was die Praktikanten beim Praktikum lernen sollen.
Die Frage eines Utopisten, »Sind die Praktikumsplätze bei der utopia AG fairwork zertifiziert?«, die kurz zuvor eingestellt wurde, blieb bis heute von der Utopia AG unbeantwortet. Nun braucht es vielleicht nicht gleich ein fairwork-Zertifikat, ein wenig Transparenz wäre allerdings wünschenswert.
Bei einer vor einem Jahr ausgeschriebenen Stelle heißt es: »Das Praktikum ist vorerst auf drei bis sechs Monate angelegt und ist mit 500€ vergütet. Die Arbeitszeit pro Woche beträgt 40 Stunden.«
Bei einer Vollzeitstelle (40h/Woche), die damit schon gegen Studienauflagen verstößt (max. 20h/Woche), wirkt die Vergütung von 500,- Euro, nicht mehr ganz so seriös. Zwar liegt der absolute Wert im Mittel der anempfohlenen 300,- bis 800,- Euro, allerdings geht man hier von max. 20h/Woche aus. Bei einer 40h-Stelle schrumpft der Stundenlohn auf ca. 3,13 Euro. (500,- bei 40h/Woche & 4 Wochen/Monat) Ein Stundenlohn, der unter dem der schlecht bezahlten Friseusin liegt, wirkt wie Lohndumping, bedenkt man noch dazu den Arbeitsort München. Als Vergleichswert: Im preiswerteren Brandenburg zahlten die Hochschulen vor 10 Jahren selbst nur knapp über 6 Euro, in der freien Wirtschaft erhielt man je nach Berufsgruppe deutlich mehr.
Die Utopia AG gönnt ihren Praktikanten somit die Hälfte der Vergütung knauseriger Hochschulen. Das kann für Bafög-Empfänger durchaus noch interessant sein, wenn beim Praktikum ausreichend Wissen vermittelt wird, dies wird allerdings seitens der Utopia AG nicht kommuniziert. Praktikanten mit Studienabschluss haben zudem nicht mehr die Möglichkeit einer Querfinanzierung ihres Praktikums mittels Bafög.
Das utopische Praktikum scheint zu viel zu fordern und zu wenig zu geben (monetär wie inhaltlich). Vielleicht liegt dieser Eindruck nur an der mangelhaften Stellenbeschreibung.

