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»Ein Fass auf Reisen« vs. »Das strahlende Gas«

Eine neue Kampagne des PR-Kanals denkanstoesse und unsere Suche nach dem radioaktiven Abfall der HSE

Ein Fass auf Reisen

Der PR-Kanal des Stromvermarkters Entega, denkanstoesse, hat eine neue videotaugliche Kampagne gestartet. Ein Mensch in gelbem Schutzanzug fährt mit einem ebensolch gelben Atommüll-Fass durch die Republik. Filme davon werden ins Netz gestellt. Auch nötig, liegt die Personalstärke der Kampagne doch bei genau einer Person (und dem Kamerateam).

Protestiert wird gegen Atommüll, weil Entega und der Mutterkonzern aus der Atomstromproduktion ausgestiegen sind. Zwar erst 2008, aber immerhin.

Mit der Aktion will man den schleichenden Tod wieder in die Wahrnehmung der Bevölkerung rücken und natürlich auch kommunizieren, das man sich nun von der Atomstromproduktion verabschiedet hat.

Begrüßenswert. Zwei Fragen.

Immer schön nach vorne schauen?

1. Frage: Übernimmt die HSE, als Mutterkonzern der Entega, die Kosten für die Endlagerung des Atommülls, der durch die eigene Atomstromproduktion bis 2008 angefallen ist?

Sicher, dazu sind sie per Gesetz nicht verpflichtet, die Lobbyarbeit der Atomenergieproduzenten hatte seinerzeit dafür gesorgt, dass die Kosten für den Atommüll auf den Steuerzahler abgewälzt werden. Aber das wäre doch einmal verantwortungsvolles Handeln.

Das »saubere« Gas

Entega vermarktet den Ökostrom der Heag Südhessische Energie AG (HSE). Der Energiemix der HSE besteht zur Zeit zu 10% aus Strom aus erneuerbaren Energieträgern, und zu 90 % aus Graustrom, der aus dem fossilen Energieträger Gas gewonnen wird. (Aus Kohle und Atom ist man ausgestiegen, und wird nicht müde darauf hinzuweisen.) Die 90% Strom aus Erdgas bereiten uns ein wenig Sorgen.

Radioaktiver Abfall bei Gasförderung

Jürgen Döschner (WDR) hat im Dezember 2009 auf radioaktive Rückstände hingewiesen, die bei der Erdöl- und Erdgasförderung mit zu Tage treten.

Aus seinen Recherchen geht hervor: »Seit Jahrzehnten ›fördern‹ nämlich Exxon, Shell und Co. mit jedem Barrel Öl und jedem Kubikmeter Gas zugleich erhebliche Mengen radioaktiver Substanzen.« (1)

Die radioaktiven Substanzen tun niemanden etwas solange sie im Boden verbleiben, doch bei der Förderung von Erdöl und -gas kontaminieren sie das Prozesswasser sowie die Förderrohre und -schlämme. (1) Zudem wird u.U. zusätzlich Wasser bzw. Wasserdampf in die Öl- und Gasfelder eingepresst um die Produktion zu steigern, was mehr kontaminierte Abfälle bedeutet.

Das Radon und der Krebs

Zu den anfallenden radioaktiven Fördernebenprodukten gehört Radium 226, dessen Name sich aus der ihm eigenen Radioaktivität ableitet. Radium verfällt an der Erdoberfläche sehr schnell zum ebenfalls radioaktiven Edelgas Radon. Dass kommt auch in der Natur vor, allerdings in anderen Konzentrationen. Radon ist nach dem Rauchen der zweithäufigste Grund für die Erkrankung an Lungenkrebs, »schon kleinste Mengen können, vom Körper aufgenommen, Knochenkrebs auslösen.« (1) Hinzu kommt, Radon bleibt uns bei einer Halbwertzeit von 1600 Jahren quasi ewig erhalten.

Die radioaktiven Abfälle nennt man beschönigend NORM-Abfälle (Naturally Occurring Radioactive Material). Das radioaktive Material kommt auch wirklich in der Natur vor, nur eben tief in der Erde, wo es keine Gefahr für den Menschen darstellt. Für die Einschätzung der Gefährlichkeit der Abfälle ist es obsolet, ob diese der Natur entstammen. Wichtig ist die Strahlungsbelastung, die Menge, die Nähe des strahlenden Abfalls zu Mensch und Natur und die Dauer, die man der Radioaktivität ausgesetzt ist.

Gefahr für Mensch und Umwelt

Mit einer fachgerechten Entsorgung könnte man den Problemen aus dem Weg gehen, doch die wäre teuer. So diskutiert man lieber branchenintern und kommuniziert das »natürlich nicht mit der Bevölkerung«, seit Jahrzehnten. (1) Am gefährdetsten sind sicher die Mitarbeiter der Förderunternehmen. Allerdings hat man in den USA kontaminierte Rohre für Spielplätze, Zäune und im Hausbau verwendet, den Schlamm bringt man einfach auf den Feldern aus (Landspreading) und in Kasachstan hat man bereits ein Gebiet so groß wie die Bundesrepublik Deutschland verstrahlt. 

Zahlen, die strahlen

Je nach Fördermenge fallen unterschiedlich große Mengen an radioaktivem Abfall an. In Deutschland schwanken die Schätzungen zwischen 300 (Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgas-Gewinnung) und 1.000 bis 2.000 Tonnen pro Jahr (Gesellschaft für Reaktorsicherheit). In den USA schätzt man den Umfang an verstrahltem Abfall auf 200.000 bis 300.000 Tonnen jährlich (US-Umweltministerium). (2)

Den NORM-Abfällen wird gerne eine natürliche Radioaktivität attestiert, »die auch im Bereich unserer Umgebung liegt« (Prick, WEG, 7) Das ist schlicht Blödsinn. Laut WEG liegt die Durchschnittsbelastung von NORM-Abfällen bei 20 Becquerel/Gramm, Exxon gibt 88 bq/g als Mittelwert vor. Die Belastung der nicht kontaminierten Umwelt liegt dagegen bei lediglich 0,03 bq/g.

Spannender ist natürlich die Äquivalentdosis, welche die Auswirkung auf den menschlichen Körper beschreibt. »Der Grenzwert für beruflich strahlenexponierte Personen beträgt in Deutschland 20 mSv pro Jahr.« (12)
20 Mikrosievert (mSv) wurden bei einer norddeutschen Ölfirma auch gemessen, allerdings per Stunde statt per Jahr. (4)

Nichts Hören, nichts Sehen, nichts Sagen

Die Entsorgung des radioaktiven Abfalls stellt hauptsächlich ein monetäres Problem dar. Zudem fallen bei jedem Eingeständnis der Öl- und Gasförderer Folgekosten in Milliardenhöhe an, schließlich kippt man den Dreck schon seit 100 Jahren auf die Felder und verscherbelt den kontaminierten Stahl an Recycler.
Das stetige Weggucken aller Verantwortlichen führt mithin dazu, dass nur noch schwer oder gar nicht nachvollziehbar ist, wo die Altlasten deponiert wurden. (3)

Während sich die Unternehmen darauf berufen, dass es keine strengeren gesetzlichen Vorgaben gebe, entschuldigt sich die Legislative damit, dass für gesetzliche Vorgaben die Datenbasis fehle, welche die Unternehmen erst gar nicht erstellen oder hübsch für sich behalten.
Die Problematik ist in der Öl- und Gas-Industrie seit den 1970ern bekannt, Umwelt-Landes- und Bundesämter schämen sich wohl gerade ob ihrer Blauäugigkeit und stecken weiter den Kopf in den Sand.
So richtig reden möchte eigentlich niemand, denn jeder hängt an seinem Job.

Hier schließt sich dann der Kreis. Kommen wir also zurück zum neuen Aufklärer über radioaktiven Müll, gesponsert von denkanstoesse / Entega / HSE:

2. Frage: Wo fördert die HSE Gas, welche radioaktiven Abfälle fallen dort in welchen Mengen an und wie werden diese entsorgt?

Diese Frage stellten wir ähnlich bereits im Februar 2010 im Diskussionsforum von denkanstoesse – und lauschen weiter dem Schweigen. 

Quellen:
1) Strahlende Ölquellen, Jürgen Döschner
2) Strahlende Ölquellen (Teil 2), Jürgen Döschner
3) Strahlende Ölquellen (Teil 3), Jürgen Döschner
1-3) als PDF
4) Strahlende Ölquellen: Neue Vorwürfe, Jürgen Döschner
5) Schweigen über den strahlenden Abfall, Jürgen Döschner
6) Reportage »Strahlende Ölquellen« (1/6), Jürgen Döschner

7) Reportage »Strahlende Ölquellen« (2/6), Jürgen Döschner
8) Reportage »Strahlende Ölquellen« (3/6), Jürgen Döschner
9) Reportage »Strahlende Ölquellen« (4/6), Jürgen Döschner
10) Reportage »Strahlende Ölquellen« (5/6), Jürgen Döschner
11) Reportage »Strahlende Ölquellen« (6/6), Jürgen Döschner
12) Äquivalentdosis auf Wikipedia

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