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Der neue »ProduktGuide«

creative commons (by-nc-nd) André Henze

Der Abverkauf der Ideale.

Der neue »ProduktGuide« auf der neogrünen Plattform Utopia.de wird unter den Schlagworten Grüner, schlauer, smarter eingeführt, was einige Plattform-Nutzer als Verhonepipelung empfinden.
»Alltagstaugliche Infos für den strategischen Einkauf« soll der ProduktGuide bieten. Man hat sich »viele Gedanken gemacht, um die Einkaufshelfer auf eine nächste Stufe zu heben.« Als erstes hat man die Einkaufshelfer in Einkaufstipps umbenannt. Hier werden weiterhin Binsenweisheiten (z.B.: Kühlschränke mit höherer Effizienzklasse verbrauchen weniger Strom) kompakt verpackt.

Partner-Shops

Hinzugekommen ist ein Shop-Empfehlungs-System. Man bekommt die Produkte von Partner-Shops untergeschoben.
Dabei hat man sich praktischer Weise der redaktionellen Prüfung einzelner Produkte auf ökologische oder faire Produktionsbedingungen entledigt. Vielmehr gibt man einen kurzen einführenden Einblick über die möglichen Zertifizierungen in den einzelnen Produktkategorien. Dem stellt man die Produkte aus den Partner-Shops ungeprüft bei.
Um die Angaben zur Zertifizierung der jeweiligen Produkte sollen sich die Partner kümmern. Das führt vom Start weg dazu, dass Produkte ohne jedes Öko- oder Fairtrade-Siegel im Utopia-Shop auftauchen.
Die Utopia AG setzt hier auf das Korrektiv der Shop-Besucher. (Warum sollte man sich bemühen ein stringentes öko-korrektes Produkt zu etablieren, schaut man bei den Utopia-Partnern doch von jeher nicht all zu genau hin.) Welchen Stellenwert dieses Korrektiv besitzt, kann man am Interfacedesign erkennen. Der seitenfüllenden Artikelbeschreibung, folgen ausführliche weitere Kauf-Empfehlungen und am untersten Rand der Webseite werden auszugsweise die Meinungen der Nutzer veröffentlicht.

Screendesign Utopia-ProduktGuide

 

Nutzer Fairskate bringt die Problematik der fehlenden Kontrolle der eingestellten Artikel auf den Punkt, wenn er schreibt: »Das Nebeneinander von echten nachhaltigen Produkten und hellgrünen unfairen Mogelpackungen befördert die sogenannte adverse Selektion, die wiederum bewirkt, dass nachhaltigere Anbieter mit höheren Kostenstrukturen von pseudonachhaltigen Konkurrenten aus dem Markt gedrängt werden bzw. gar nicht erst hineingelangen.
Dass ist in der Forschung zu nachhaltigem Konsum schon länger bekannt: http://www.wupperinst.org/uploads/tx_wibeitrag/WP150.pdf
Besonders absurd wird dieses Nebeneinander auf einer Plattform, die sich offiziell der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Da denkt der/die User_in natürlich, dass da bereits eine Vorauswahl getroffen wurde und so richtig dreckige und ausbeuterische Dinge gar nicht erst angeboten werden. Das ist ja nun auch ganz offensichtlich der Grund, warum ein Partnershop bei utopia.de für Grünwäscher wie Otto so attraktiv ist.«

Weniger Community, mehr Verkauf

Auch sonst scheint man an der Mitarbeit der Nutzer nicht mehr sonderlich interessiert: »Im früheren Einkaufshelfer konnten Nutzer ihre bevorzugten Produkte einstellen. Das ist im neuen ProduktGuide anders« heißt es von Seiten der Utopia AG. Mithin wurde die Möglichkeit eigene Produkte einzustellen abgeschafft.
Dies würde auch dem Partnershop-Konzept zuwiderlaufen. »Wir haben uns Partner gesucht …. Dadurch wollen wir sicherstellen, dass Kaufentscheidungen getroffen werden und Nutzer des Tools ihr Kaufverhalten sofort ändern können.« Da sich diese Aussage direkt an die oben zitierte anschließt, lässt dies nur eine Interpretation zu: Nutzer können keine Produkte mehr einstellen. Partner tun das jetzt. Nutzer sollen Produkte kaufen, mehr nicht. Wie sie ihr Kaufverhalten ändern wird durch die Partner der Utopia AG und diese selbst bestimmt.
Während der Rauswurf der eigenen Community aus dem Produktauswahlverfahren eher en passant erfolgt, wird den zukünftigen Werbepartnern unter der Überschrift »Sie betreiben einen Shop – und wollen mitmachen?« ein ganzer Absatz gewidmet.

Moderiert kaufen statt selber suchen?

Damit die Käufer beim Schoppen auch dem geführten Einkaufen folgen und nicht selbstbestimmt nach Produkten suchen, gibt es erst einmal keine Suchfunktion. Die offizielle Begründung hierfür lautet: »Eine Volltextsuche ist eine sehr komplexe technische Sache.« Eine Begründung die nun wirklich hanebüchen wirkt, mich aber wenigstens lachend vom Stuhl rutschen ließ.

Produkte 1. und 2. Klasse

Schaut man sich nun die Produktempfehlungen genauer an, so fällt auf, dass es nicht nur Produkte zahlender Partner in den ProduktGuide geschafft haben, auch einige Produkte noch nicht akkreditierter Partner werden gelistet. Allerdings gibt es Produkte erster und zweiter Klasse.

Anbieter 1. und 2. Klasse im Utopia-ProduktGuide

Produkte von zahlenden Partnern erhalten ein Produktbild und eine Artikelbeschreibung. Bei den (noch) nicht zahlenden Unternehmen fehlt beides.
Ähnliches kennt man von diversen Adressverlagen, die ungefragt Daten über einen in ihrer Onlinedatenbank einstellen und gegen ein gar nicht so geringes Entgelt Informationen zusätzlich zum Basiseintrag in ihren Bestand aufnehmen wollen. Hier wird der gute Name Fremder zur eigenen Reputation missbraucht und gleichzeitig der Versuch gemacht, daraus noch ein Geschäft zu generieren.

Privatwirtschaft vom Umweltministerium ausgehalten

Die Partnershop-Software »ProduktGuide« wurde in ihrer Entwicklung zu 50% vom Umweltministerium Baden-Württemberg finanziert. Steuergelder mussten die privatwirtschaftliche Shopanwendung querfinanzieren. Die Begründung hierfür würde uns interessieren. Wohlgemerkt die Softwareentwicklung kommt keinem anderen Unternehmen zu Gute. Und man investiert in eine Firma die bei einem Jahresumsatz von 1 Mio. Euro (Eigenangabe) noch immer keinen Gewinn, für die Utopia-Stiftung, erwirtschaftet.

Alles in allem gibt es für Nutzer nicht mehr die Möglichkeit selbst empfehlenswerte Produkte auf der Plattform einzustellen, die Möglichkeiten des sich Einbringens, Hauptmerkmal jeder Community, wurden weiter beschnitten.
Dafür dürfen die Nutzer nun im Vertrauen auf die Partner der Utopia AG einkaufen gehen, und werden von Beginn an enttäuscht. Die existenten Produkte dürfen bewertet werden, allerdings wird dieser Meinungsäußerung wenig Bedeutung beigemessen. Die zahlenden Partner sollen schließlich nicht verprellt werden.
Bleibt die Frage was nützt ein ProduktGuide, dem man nicht über den Weg trauen kann, da er jede redaktionelle Prüfung vermissen lässt? Das Web ist kein Perpetuum Mobile, keine Geldscheffelmaschine. Mehrwert entsteht auch hier nur durch Arbeit.

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