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Das Utopia der Praktikanten

creative commons 3.0 (by-nd) André Henze

Utopia auf Brautschau.

Neuerlich ist die Utopia AG auf der Suche nach Praktikanten.
Da der Mitarbeiterstamm auf 13  zusammengeschmolzen ist, sucht man die Verluste mit willigen unterbezahlten Aushilfen aufzufüllen.

Derzeit sind gleich 9 Praktikanten-Stellen ausgeschrieben, wobei es sich bei 4 Stellen um Doppler handeln könnte. Doch auch wenn man für die Utopia AG günstig rechnet ergibt sich ein Verhältnis von rund zwei Mitarbeitern zu einem Praktikanten. Da fragen wir uns: Wer soll all die Praktikanten betreuen?

Ausgeschrieben sind Praktika in allen Geschäftsbereichen der Utopia AG (Anm. d. Red.: Für mittlerweile verweiste Links liegen uns Backups vor.):

Die Praktikumsdauer weist darauf hin, dass hier nicht Berufseinsteigern ein Einblick in ihren künftigen Schaffensbereich gegeben werden soll, sondern man nach billigen Lohnsklaven fahndet.
Um dieses Indiz zu untermauern nehmen wir exemplarisch die letzte Stellenausschreibung unter die Lupe.

»Das Praktikum ist vorerst auf drei bis sechs Monate angelegt und ist mit 500 Euro vergütet. Die Arbeitszeit pro Woche beträgt 40 Stunden, Arbeitsort ist München.«

Die Utopia AG hat seit unserem letzten Bericht über die desaströsen Zustände nichts dazugelernt. Es bleibt bei einem Hungerlohn von rund 3,12€/Stunde (in München!).
Die Vollzeitpraktika verstoßen außerhalb der Semesterferien gegen die Studienordnung (max. 20 Stunden die Woche sind erlaubt) und führen im schlimmsten Fall zur Exmatrikulation, auch dies nimmt die Utopia AG willentlich in Kauf.
Die oben genannte Begrenzung auf fünf Praktikumsstellen relativiert sich, liest man die Stellenausschreibung genauer:

»Dauer der Stelle: bis ein Jahr – Gültigkeit der Stelle: unbefristet«

Die Suche nach billigen Arbeitskräften gilt also bis auf weiteres und ist somit nicht auf eine einzelne Stelle beschränkt.
Was den Praktikanten eigentlich beigebracht werden soll, lässt die Stellenausschreibung vermissen. Dafür formuliert man recht genau die Anforderungen, die man an die Praktikanten stellt.

Kein Wunder, dass man die Utopia AG nicht bei fair Company, einer Initiative von karriere.de, findet. Laut Beschreibung gilt hier, faire Praktika

  • substituieren keine Vollzeitstellen durch Praktikanten, vermeintliche Volontäre, Hospitanten o.ä.,

  • vertrösten keinen Hochschulabsolventen mit einem Praktikum, der sich auf eine feste Stelle beworben hat,

  • ködern keinen Praktikanten mit der vagen Aussicht auf eine anschließende Vollzeitstelle,

  • bieten Praktika vornehmlich zur beruflichen Orientierung während der Ausbildungsphase,

  • zahlen Praktikanten eine adäquate Aufwandsentschädigung.

Die Utopia AG verstößt gleich gegen mehrere dieser Aufnahmekriterien.
Zum einen werden sehr wohl Vollzeitstellen substituiert, des weiteren bietet die Utopia AG keine berufliche Orientierung, und unterlässt es diese in den Stellenausschreibungen zu formulieren, zum dritten fehlt es an einer adäquaten Aufwandsentschädigung für die Vollzeitbeschäftigung der Praktikanten.
Vielleicht nimmt sich die Utopia AG aber auch irgendwann ein Beispiel an ihren Werbekunden. Der frisch gebackene Utopia-Partner REWE ist bei fair Company und könnte Frau Langer Nachhilfe in Sachen Fairness geben. (Auch Rewe sucht halbjährlich und für 400 €/Monat, aber hoffentlich nur für 20h/Woche.)

 

PS: (Update 03.08.2010) Neuerlich sucht die Utopia AG Praktikanten. In der Ausschreibung fehlt nun die Angabe zur Arbeitszeit und dem Verdienst. Auch eine Art der Problemlösung.

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