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Da freut sich der Ökokapitalist - »10 größten Abnehmer von Biobaumwolle«

Mitwirkende: Robert B. Fishman (http://muenchen.natuerlichmagazin.de/muenchen/magazin/artikel-natuerlich-muenchen/artikel/faire-sache.html), Jochen Walter
creative commons (by-nc-nd) André Henze

Wie es um die »10 größten Abnehmer von Biobaumwolle« wirklich bestellt ist.

Mit dem utopistischen Rundbrief flattert mir ein Bericht über die Top Ten der größten Biobaumwoll-Abnehmer weltweit herein. Dies ist berichtenswert. Zum einen hat sich Chefredakteurin Sabine Letz viel Mühe beim verschleiern hervorhebenswerter Tatsachen gegeben, oder nur sehr oberflächlich recherchiert, zum anderen ist das, auch durchs deutsche Dumpf-Fernsehen dümpelnde, Top-10-Medienformat bei Utopia.de Programm und darf näher beleuchtet werden.

Hallo Chart-Show

Das Top-10- oder Top-100-Listen durch die Medienlandschaft holpern ist kaum verwunderlich. Rangfolgen sind beliebt. Zudem entsprechen sie so schön dem »Leistungs«-Begriff in unser turbokapitalisierten Welt (in der momentan Kapital im turbo verbrannt wird). Wer nicht drin ist, ist schlicht nicht existent. Und alle anderen streiten fröhlich um die Plätze auf dem Treppchen. Hier wird das Prinzip Wettbewerb unhinterfragt abgebildet und befördert. Gegeneinander statt Füreinander, Selektieren statt miteinander voranschreiten.

Alles keine Gründe, um Anklang zu finden. Doch Ranglisten bieten auch Vorteile, man kann sich schnell an ihnen orientieren. Bedient wird hier der inneren Schweinehund, man muss sich nicht die Mühe machen, selbst zu recherchieren und die Ergebnis-Übersicht wird in einem gut verdaulichen kleinen Häppchen herübergereicht. Mal ehrlich, wer träumt nicht ab und zu von derlei ganz persönlichem Schlaraffenland?

Sinn und Unsinn einer Top Ten

Die Orientierung findet ihre Grenzen natürlich in den Vorgaben des Charts. Hilfreich beim Einkauf könnte eine Liste der ökokorrektesten, fairtrade Baumwolle verarbeitenden Betriebe in Deutschland sein. Wer wollte sich nicht an solch einer Liste orientieren?
Hier verfehlt Autorin Sabine Letz das Ziel um Längen und landet bravurös im Fettnäpfchen.

Blutige Hände

Fairtrade-Kriterien werden bei der vorliegenden Liste ausgespart. Die Gefahr besteht also, das Dein neuer Pulli aus blutenden Kinderhänden stammt.

Wal-Mart, laut utopistischer Bestenliste auf Platz 1. der Biobaumwoll-Käufer, bezahlt z.B. keine Überstunden und sackt so »hunderte von Millionen Dollar jährlich« zusätzlich ein. Mithin hat man sich nach Sammelklagen auf einen 650-Millionen-Dollar-Vergleich eingelassen, aus Angst dass mit dem diesjährigen Regierungswechsel alles noch teurer für den Ausbeuter werden könnte.
Von den 6000 Angestellten arbeiten 4800 in chinesischen Zulieferbetrieben, unter »gefängnisähnliche[n] Bedingungen«.
Neuigkeiten über Wal-Mart lassen sich bei Labour-Net nachlesen.

C&A, der Zweitplatzierte, ist auch kein Saubermann. »Ausbeutung, sexuelle Belästigung und andere Missstände in Zulieferbetrieben« heißt es zusammenfassend im Neuen Schwarzbuch Markenfirmen und wird im Buch im Detail ausgeführt.

Der dritte im Utopia-Ranking, Nike, hat dermaßen viel Dreck am Stecken, dass gleich mehrere Organisationen ein Auge auf den Konzern haben. Als Einstieg darf der Abschnitt Kritik bei Wikipedia gelten.
Natürlich versucht Nike sich reinzuwaschen und hat sich u.a. bei der Initiative The Girl Effect eingekauft. Eine Replik auf die Ernsthaftigkeit derartiger Avancen kannst Du im Nike-Watchblog von Oxfam lesen Nike loves girls? Realy?.
(Derweil muss ich Verluste feststellen, www.sweatshopwatch.org scheint offline gegangen zu sein. Nach dem, noch existenten My-Space Profil zu urteilen, sogar schon vor zwei Jahren!)
Dass Nike nur handelt, wenn man der Firma ordentlich den Hintern versohlt und die Handlung dann weit hinter dem Erwarteten und Notwendigem zurückbleibt, kannst Du bei Fashioncheck im Nike-Artikel im Abschnitt »Violations of labour rights and public conflicts« nachlesen.

H&M beutet aus, billigt Missstände und engagiert sich mit Lippenbekenntnis. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls, wenn man die kurzen Beiträge wie Hennes & Mauritz von Kinderarbeit profitiert.
Der Artikel »erzwungene Überstunden, oft nicht bezahlt - keine Möglichkeit zur unabhängigen Organisation - sexuelle Belästigung«.

Anvil Knitwear folgt auf Platz 6 und hat ebenfalls Probleme. Beim NLC (National Labor Committee) finden sich Vorwürfe von »Sexueller Belästigung, Verletzung des Rechtes, sich zu organisieren, illegale Entlassungen, Bedrohungen und Einschüchterungen, nicht bezahlten Überstunden« beim Zulieferbetrieb Star S.A. in Honduras.

COOP (Schweiz) ist das zweitgrößte Einzelhandelsunternehmen der Schweiz. Der Genossenschaft gehören 2,5 Millionen Haushalte an. Die Deutsche co op AG hat nichts mit der Schweizer Namensvetterin zu tun. Die COOP ist laut fashioncheck Mitglied der BSCI (Business Social Compliance Initiative), einer Idustrieorganisation, die sicherstellen will, dass zumindest die rechtsstaatlichen Grundsätze in den einzelnen Erzeugerländern eingehalten werden. Das ist recht minimalistisch und bleibt weit hinter meinen Erwartungen, insbesondere an eine Genossenschaft, zurück.

Kennt irgend jemand die amerikanischen Label GreenSource und Pottery Barn?

In der utopistischen Top-10 kann einzig Hess-Natur als vorbildhaft gelten, auch wenn die avisierten 48 Wochenstunden (60 bei Überstunden) für uns Mitteleuropäer ein wenig antiquiert wirken und noch nicht das endgültige Ziel seien können.

Ist Öko wirklich Bio?

Unter Umständen ist Öko-Baumwolle gar nicht mehr bio, wenn sie beim Konsumenten ankommt.
Utopia-Mitglied Uliluna weiß zu berichten, dass »Kleidungsstücke aus Bio-Baumwolle von beispielsweise H&M ganz ›normal‹ chemisch ausgerüstet [werden] wie alle anderen ihrer Textilien auch.«
Wie diese textile Veredelung aussehen kann, deren Bestandteile nicht auf dem Etikett stehen müssen, kannst Du im Artikel Freizeitkleidung giftiger als man denkt nachlesen. (Einfach Baumwolle in der Liste durch Biobaumwolle ersetzen.)

Groß ist manchmal nicht groß genug

Auch im vorliegenden Artikel von utopia.de werden wieder absolute Zahlen angegeben, dass macht immer viel her und dient schlicht der Verschleierung. Wie es um die Initiative der einzelnen Unternehmen in Sachen Ökologie bestellt ist, lässt sich jedoch recherchieren, wenn ernsthaftes Interesse besteht, z.B. in dem man den Anteil der verarbeiteten Biobaumwolle mit dem der Gesamtproduktion vergleicht und in Prozenten ausdrückt. Damit wird abgebildet wie sehr der geschäftliche Erfolg an das gerade hippe Öko-Produkt gekoppelt ist.
Pottery Barns hat eine Öko-Linie, wie sie mittlerweile jeder Multi bereithält, und verarbeitet »in der Hälfte aller Produkte 5% Ökobaumwolle«. Das sind 2,5% der Gesamtproduktion, oder anders ausgedrückt, bei 97,5% der Produktion handelt es sich um den üblichen Dreck mit Chemiekeule und allem drum und dran. Immerhin wird das mit hübschen Bildern kaschiert (die auch so gerne bei Utopia.de Verwendung finden).
Nike schummelt nicht so dreist, wie es sich vermuten lässt, lediglich der grottenschlechten Recherche von Sabine Letz ist es geschuldet, dass aus dem Konzern ein Öko-Vorreiter wird. Natürlich wird Nike nicht seine komplette Produktion bis 2011 auf Ökobaumwolle umstellen, wie es uns Sabine Letz suggerieren möchte. Vielmehr werden alle Baumwollprodukte ab 2011 ebenfalls die schon erwähnten 5% Biobaumwolle enthalten, die ich hiermit offiziell »Greenwashing«-Prozent taufen möchte.
H&M war auch schon mal öko, Mitte der 90er, die Öko-Linien Eco Cotton und Nature Calling wurden aber wieder eingestampft. Jetzt hält man den Markt einmal mehr für reif. Dieses mit der Zeit gehen ist für die Modebranche durchaus üblich, allerdings ist es sicherlich auch bald wieder hipp, Pelz zu tragen.
Das neue Label heißt Organic Cotton und ist keine Produktlinie sondern durchsetzt das gesamte Programm (wobei durchsetzt ein wenig hoch gegriffen ist, fanden sich Ende 2008 im Onlineshop doch lediglich 3 von 847 Artikeln mit dem hauseigenen Öko-Label, so What's wrong with the zoo. Das sind grandiose 0,35 % Bioprodukte im Verhältnis zur gesamten Produktpalette. Da hat also wer schon mal richtig angefangen.

Globales Ranking

Eine Liste, welche die größten Biobaumwoll-Verwender weltweit vorstellt, geht an der Zielgruppe der Plattform Utopia, dem deutschen Endverbraucher, vorbei.
Was im Grunde wie der hilflose Versuch scheint, sich bei den ganz Großen einzuschleimen, war sicherlich nur das zufällige Stolpern über eine Information der Utopia AG gut ins Konzept passt, ansonsten aber keinen Wert besitzt.

Bleibt zu hoffen, dass Sabine Letz keine 400 Dollar für den Organic Cotton Market Report hingeblättert hat, zumal sie die verwendeten Informationen bei treehugger einsehen kann (und zwar ohne die geschönt-falsch-verstandenen Zahlen von Nike).

Handeln

Wenn Dir was nicht passt mach' den Mund auf, und tue etwas dagegen. Wenn es Dir nicht reicht im virtuellen Raum rumzukrebsen, schau' halt beim Ort des Verbrechens rein, wie z.B. beim Styleranking-Flashmob, sowas kannst Du auch schnell selbst organisieren. (Dies zeigt auch Klaus Werner-Lobo in seinem Beitrag über die Schokoguerilla.)

Jetzt allzu frustrierten Konsumenten sei noch der Beitrag »Boykott ist keine Lösung« anempfohlen.

Bei der österreichischen Clean Clothes-Initiative kannst Du diverse Firmenprofile nachschlagen.

Alternative Jeans

In der Fernsehsendung Quarks & Co begibt man sich auf die Suche nach der perfekten Jeans.
Neben der umweltfreundlicheren Bio-Jeans läuft man schnell der altgedienten Textil-Pflanze Hanf über den Weg, die noch immer unter der Verteufelung durch kettenrauchende Alkoholiker leidet, und ein dementsprechendes Nischendasein führt.
Neben einem deutlich geringeren Wasserbedarf spricht auch das schnelle Wachstum, dass einen Verzicht auf Dünger und Pestizide ermöglicht, für die Nutzpflanze.
Hanfjeans gibt's z.B. bei mir ums Eck bei flashback.

Weiterführende Links

Informationen zum Thema öko-faire Kleidung

Eine Übersicht über die Label (nicht nur) der Textilindustrie gibt Label-Online. Die Hersteller sowie Anbieter von zertifizierten Textilien finden sich beim Internationalen Verband für Naturtextilien e.V. Informationen zu umweltfreundlich und sozial hergestellten Produkte gibt es zudem bei Bransparent, die auch über die Schwarzen Schafe berichten, auf Facebook und www.oeko-fair.de. Über den konventionellen Baumwollanbau in Indien und die Auswirkungen auf den Geiz-ist geil-Käufer in Europa klärt der Film 100% Baumwolle made in India auf.

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